Österreichische Bischöfe auf Luthers Spuren

Bischof Michael Bünker und Bischof Manfred Scheuer mit Kirchenmeister Bernhard Naumann vor der "Thesentür" an der Schlosskirche in Wittenberg. Foto: epd/Uschmann
Bischof Michael Bünker und Bischof Manfred Scheuer mit Kirchenmeister Bernhard Naumann vor der „Thesentür“ an der Schlosskirche in Wittenberg. Foto: epd/Uschmann

Pressereise mit Bischof Bünker und Bischof Scheuer

Im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 haben sich der Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche in Österreich, Michael Bünker, und der Römisch-katholische Bischof Manfred Scheuer zu einem Lokalaugenschein ins Kernland der Reformation aufgemacht. Unter dem Motto „Von Wittenberg zur Wartburg“ stehen – begleitet von Journalistinnen und Journalisten aus Österreich – zahlreiche Begegnungen mit kirchlichen und politischen Würdenträgern auf dem Programm. Beginnend mit Berlin und Wittenberg führt die Reise nach Magdeburg, Volkenroda und ins Augustinerkloster nach Erfurt, bevor sie auf der Wartburg ihr Ende findet. Fotos von der Reise finden Sie laufend aktualisiert in unserem Flickr-Stream auf foto.evang.at.

Evangelisch-katholisches Bischofsduo auf der Wartburg

Auf der Wartburg übersetzte Martin Luther als Junker Jörg das Neue Testament. Der Besuch dieses geschichtsträchtigen Orts bildete den Abschluss der Pressereise von Bischof Manfred Scheuer und Bischof Michael Bünker. Foto: epd/Uschmann
Auf der Wartburg übersetzte Martin Luther als Junker Jörg das Neue Testament. Der Besuch dieses geschichtsträchtigen Ortes bildete den Abschluss der Pressereise von Bischof Manfred Scheuer und Bischof Michael Bünker. Foto: epd/Uschmann

Wartburg, 29.9.2016 (epdÖ) – In all seinem Wirken wollte Luther eines sicher nicht: die Spaltung der Kirche. Darin sind sich auch Bischof Michael Bünker und Bischof Manfred Scheuer bei dem Pressegespräch der Reise zu den Lutherstätten einig. Der Besuch der Wartburg ist der Abschluss der Reise der beiden Bischöfe auf Luthers Spuren durch das Land der Reformation. Die Reise des evangelisch-katholischen Bischofsduos ist zugleich aber auch der Auftakt für viele ökumenische Initiativen im Rahmen des Reformationsjubiläums 2017.
In einer kleinen Stube auf der Wartburg im Thüringer Wald übersetzte Junker Jörg alias Martin Luther in nur neun Wochen das Neue Testament ins Deutsche. Luthers Wirken hatte damals schon für heftige innerkirchliche, aber vor allem auch politische Konflikte gesorgt. Kurfürst Friedrich hielt den streitbaren Geistlichen und Theologieprofessor deshalb auf der damals völlig unbedeutenden und abseits gelegenen Wartburg zu dessen eigenem Schutz als „Edel-Gefangenen“ fest. Sonst hätte Luther wohl auch kaum die Zeit gefunden, sein Meisterwerk der Bibelübersetzung so zügig umzusetzen.

Wo die Reformation wirklich begonnen hat

Bischof Michael Bünker und Bischof Manfred Scheuer gestalteten im Augustinerkloster gemeinsam eine Andacht. Foto: epd/Uschmann
Bischof Michael Bünker und Bischof Manfred Scheuer gestalteten im Augustinerkloster gemeinsam eine Andacht. Foto: epd/Uschmann

Erfurt, 28.9.2016 (epdÖ) – Wer wirklich dorthin will, wo die Reformation ihren Anfang genommen hat, der darf nicht nach Wittenberg gehen, sondern muss nach Erfurt kommen. Und zwar in das dortige Augustinerkloster. Das meint zumindest der Kurator (Leiter) des Klosters, Carsten Fromm. Schließlich hat Martin Luther in dem Kloster von 1505 bis 1511 gelebt. Ein wesentlicher Teil seines theologischen, spirituellen und menschlichen Entwicklungsprozesses spielte sich hinter den Klostermauern von Erfurt ab. Ein unglaublich strenges und anstrengendes Leben wartete auf den jungen Luther. Von zwei Uhr früh bis zehn Uhr nachts war das Leben der Mönche angefüllt mit Gebet, Gottesdienst, Arbeit und Studium.

Die Bischöfe Michael Bünker und Manfred Scheuer besuchen die Klosterkirche, wo Luther einst seine erste Messe als frisch geweihter Priester feierte. Im Kapitelsaal des Klosters, wo Luther sehr viel Zeit mit seinen Mitbrüdern verbrachte, gestalten die beiden Bischöfe ein ökumenische Vesper.

Kloster Volkenroda: Frischer Wind in alten Mauern

Im Kloster Volkenroda/Thüringen lebt seit einigen Jahren die ökumenische Jesusbruderschaft. Im Christuspavillon. Bischof Michael Bünker und Bischof Manfred Scheuer Im Gespräch mit Pfarrer Albrecht Schödl und Barbara Köhler von der Jesusbruderschaft. Foto: epd/Uschmann
Im Kloster Volkenroda/Thüringen lebt seit einigen Jahren die ökumenische Jesusbruderschaft. Im Christuspavillon. Bischof Michael Bünker und Bischof Manfred Scheuer Im Gespräch mit Pfarrer Albrecht Schödl und Barbara Köhler von der Jesusbruderschaft. Foto: epd/Uschmann

Volkenroda, 28.9.2016 (epdÖ) – Irgendwo im Nirgendwo im Norden Thüringens steht das Kloster Volkenroda. Das 1131 von den Zisterziensern gegründete Kloster wurde im 16. Jahrhundert zerstört und war dann bis zur politischen Wende 1989/90 dem Verfall preisgegeben. Dann entschlossen sich einige mutige Christen, das Kloster wieder aufzubauen. Ab 1994 nahm sich die noch rechte junge „Jesus-Bruderschaft“ des Klosters an, renovierte alte Teile der Anlage und baute neue hinzu. So bilden heute die älteste erhaltene Zisterzienser-Klosterkirche und der futuristisch anmutende Christus-Pavillon die beiden sich harmonisch ergänzenden Kontrapunkte des Klosters. Die Jesus-Bruderschaft hat mehrere Besonderheiten: Sie ist eine Lebensgemeinschaft aus Frauen und Männern, die sich entweder zölibatär (ehelos) oder als Ehepaar um ein gemeinschaftliches Leben bemühen. Und es gehören ihr sowohl evangelische als auch katholische Christen an.

„Wir wollen die Botschaft des Evangeliums teilen und vor allem auch an jene weitergeben, die sie bereits vergessen haben“, sagt Pfarrer Albrecht Schödl, einer der Leiter der Jesus-Bruderschaft in Volkenroda. Bei rund 80 Prozent konfessionslosen Menschen in Ostdeutschland bleibt hier mehr als genug zu tun. Dazu kommt, dass sich die Mitglieder der Gemeinschaft besonders darum bemühen, die Einheit zwischen Evangelischen und Katholiken wieder herzustellen. – Und damit war ein Besuch des Klosters für die beiden Bischöfe Michael Bünker (evangelisch) und Manfred Scheuer (katholisch) natürlich ein Pflichttermin auf ihrer Ökumene-Reise durch den Osten Deutschlands.

Wo Martin Luther predigte und betete

Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, mit Bischof Michael Bünker und Bischof Manfred Scheuer nach der Andacht in der Stadtkirche von Wittenberg. Im Hintergrund der Altar von Lukas Cranach d.Ä. Foto: epd/Uschmann
Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, mit Bischof Michael Bünker und Bischof Manfred Scheuer nach der Andacht in der Stadtkirche von Wittenberg. Im Hintergrund der Altar von Lukas Cranach d.Ä. Foto: epd/Uschmann

Wittenberg, 28.9.2016 (epdÖ) – Hier hat Martin Luther über viele Jahre als Pfarrer gewirkt und mehr als 2000 Predigten gehalten – in der Stadtkirche von Wittenberg. In der Ursprungskirche der Reformation haben sich am Dienstagabend auch die beiden Bischöfe Michael Bünker und Manfred Scheuer gemeinsam mit der lutherischen Landesbischöfin Ilse Junkermann und einigen heimischen Journalisten zu einer ökumenischen Andacht versammelt. „Wir feiern heute gemeinsam mit Christus, in dem sich Gottes Liebe zeigt“, sagt Bischöfin Junkermann, bevor Evangelische und Katholiken gemeinsam das Vaterunser beten.

Beim anschließenden „Lutherschmaus“ im Hotel Luther berichtet die Bischöfin über die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, die wie die Katholische Kirche nur mehr eine kleine Minderheitenkirche ist. Doch die geringe Zahl an Christen dürfe „keine Ausrede dafür sein, sich einzuigeln und abzuschotten“. Die Kirchen müssten ihre Türen offenhalten und „mit niederschwelligen Angeboten auf die Menschen zugehen“, zeigt sich Junkermann überzeugt.

„Wir sitzen beide im gleichen Boot“

Treffen mit dem römisch-katholischen Bischof Gerhard Feige. Foto: epd/Uschmann
Treffen mit dem römisch-katholischen Bischof Gerhard Feige. Foto: epd/Uschmann

Magdeburg, 27.9.2016 (epdÖ) – Ist schon die Evangelische Kirche in Ostdeutschland eine kleine Minderheit, so ist es die Katholische Kirche noch viel mehr. Bischof Michael Bünker und Bischof Manfred Scheuer statten im Zuge ihres Reformationslokalaugenscheins auch dem katholischen Bischof Gerhard Feige in Magdeburg einen Besuch ab. Die Diözese Magdeburg ist mit 23.000 Quadratkilometern die viertgrößte katholische Diözese Deutschlands, mit nur 84.000 Katholiken zugleich – gemessen an der Katholikenzahl – die zweitkleinste. „Nur drei Prozent der Bevölkerung hier sind katholisch“, berichtet Bischof Feige. Rund 15 Prozent sind evangelisch. Macht mehr als 80 Prozent Konfessionslose – eine immense Herausforderung für beide Kirchen, sagt Feige. Zusammenarbeit, sprich „Ökumene“, wird deshalb groß geschrieben. „Wir setzen gemeinsam Aktivitäten, etwa gegen Fremdenfeindlichkeit oder zum Schutz des Sonntags“, erzählt der Bischof. Freilich sei es nicht einfach, sich in einer derart säkularisierten Gesellschaft Gehör zu verschaffen. „Wir sitzen beide im gleichen Boot“, räumt Feige freimütig ein.

Wer in gesellschaftlichen Fragen so aufeinander angewiesen ist, der rückt auch in innerkirchlichen Fragen enger zueinander: Seit Jahren nützen die Katholiken immer wieder den evangelischen Dom in Magdeburg für ihre Gottesdienste, und die Evangelischen weichen in den katholischen Dom aus, wenn ihre Kathedrale gerade renoviert wird. Dass auch das Reformationsjubiläum 2017 gemeinsam begangen wird, ist naturgemäß keine Frage, „schließlich geht es ja auch nicht um irgendwelche Luther-Festspiele oder protestantische Selbstbeweihräucherungen, sondern um ein Christusfest“, unterstreicht Bischof Feige.

„Gott zum Gruße, liebe Bischöfe aus Österreich“

Stadtführung in Wittenberg mit Bernhard Naumann, Kirchenmeister der Stadtkirche Wittenberg. Foto: epd/Uschmann
Stadtführung in Wittenberg mit Bernhard Naumann, Kirchenmeister der Stadtkirche Wittenberg. Foto: epd/Uschmann

Wittenberg, 27.9.2016 (epdÖ) Fast 500 Jahre ist es her, dass Martin Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche von Wittenberg schlug, seit 470 Jahren ist er tot. Öffentliche Auftritte waren seither selten. Für die beiden österreichischen Bischöfe Michael Bünker und Manfred Scheuer machte Luther aber eine Ausnahme und erklärte sich bereit, den beiden nochmals zu erzählen, wie das damals war mit seinen Thesen und der Schlosskirche. Und wie das damals überhaupt war – mit den Anfängen der Reformation, mit seiner Zeit als Prediger in der Stadtkirche von Wittenberg, mit seinem Freund Lukas Cranach, und vor allem auch mit seiner Frau Katharina von Bora und den sechs Kindern. Und eines möchte Martin Luther (alias Kirchmeister Bernhard Naumann) den beiden Bischöfen mit auf den Weg geben: „Wir alle sind Christen. Das ist doch das Wichtigste. Mehr kann man doch nicht werden.“

Wittenberg: Nudeln und Luther

Die Wittenberger Pfarrerin Kristin Jahn auf dem Platz vor der Stadtkirche in Wittenberg. Foto: epd/Uschmann
Die Wittenberger Pfarrerin Kristin Jahn auf dem Platz vor der Stadtkirche in Wittenberg. Foto: epd/Uschmann

Wittenberg, 26.9.2016 (epdÖ) Es ginge darum, die Reformation immer wieder neu zu entdecken, sagte die Wittenberger Pfarrerin Kristin Jahn bei der Begegnung in Wittenberg. „Wir als Kirche sind da gefordert, sehr niederschwellige Angebote zu machen.“ Es gebe sehr viel Lutherfolklore in Wittenberg und fast kein Produkt, das nicht mit Martin Luther in Verbindung gebracht werde: „Ich weiß wirklich nicht, was eine ‚Luther-Nudel‘ mit Glauben zu tun haben soll. Aber wenn sich die Menschen auf diese Weise Luther nähern, dann ist das auch ein Zeichen von Interesse.“ In Wittenberg hat die Pfarrgemeinde jetzt ein „Familienzentrum“ gegründet, „in dem Menschen sich beispielsweise einfach einen Psalm anhören können, ohne das Vaterunser können zu müssen“. In der Lutherstadt sind unter zwölf Prozent der Bevölkerung ChristInnen. Rund die Hälfte davon sind über 70 Jahre alt. „Wir dürfen nicht mehr binnenkirchlich denken, wenn wir Zukunft denken.“

Berlin: Treffen mit Reformationsbotschafterin Käßmann

Von einem "mutigen Aufbruch der Kirche ins 21. Jahrhundert" sprach Reformationsbotschafterin Margot Käßmann. Foto: epd/Uschmann
Von einem „mutigen Aufbruch der Kirche ins 21. Jahrhundert“ sprach Reformationsbotschafterin Margot Käßmann. Foto: epd/Uschmann

Berlin, 26.9.2016 (epdÖ) Für Reformationsbotschafterin Margot Käßmann ist klar, dass das Reformationsjubiläum „keine nostalgische Wohlfühlfeier“ sein darf. Sie möchte einen „mutigen Aufbruch der Kirche ins 21. Jahrhundert“. Ein Jubiläum und ein Aufbruch, der heutzutage nur mehr ökumenisch begangen werden könne, zeigt sie sich im Gespräch mit dem evangelischen und dem katholischen Bischof überzeugt. Zwei Highlights, auf die Käßmann besonders hinweist: das große Festwochenende am 27./28. Mai 2017 in Wittenberg mit mindestens 200.000 TeilnehmerInnen und die Weltausstellung „Tore der Freiheit“ in Wittenberg von Mai bis September 2017. Käßmann bei der Verabschiedung: „Wir sehen uns dann 2017 in Wittenberg.“

ISSN 2222-2464