Ökumenischer Gottesdienst zum „Tag des Judentums“

Foto: Dov Harrington (wikimedia)
Foto: Dov Harrington (wikimedia)

Bünker: „Wir beten Psalmen nicht mit dem Rücken zur Shoa, sondern mit dem Gesicht zu ihr“

Wien (epd Ö) – „Wie kann angesichts von Auschwitz der rettende Gott gelobt werden, der doch offenkundig geschwiegen hat, offenkundig abwesend war, offenkundig nicht befreiend und rettend eingegriffen hat?“ Das bezeichnete der lutherische Bischof Michael Bünker in seiner Predigt im ökumenischen Gottesdienst zum „Tag des Judentums“ am 17. Jänner in Wien als eine „brennende offene Frage“ nicht nur für jüdische Theologie und Frömmigkeit, sondern auch für ChristInnen.

Bünker erinnerte in seiner Predigt über den 124. Psalm daran, dass die römisch-katholische Kirche St. Leopold, in der der ökumenische Gottesdienst stattfand, nach einer Judenvertreibung im 17. Jahrhundert aus einer großen Synagoge in eine Kirche umgestaltet worden sei. Auch gebe es unbestreitbar „einen Weg“ vom Kirchenvater Augustin über Martin Luther und die Vertreibung der Juden aus Wien bis nach Auschwitz. Der Bischof fragte: „Können wir überhaupt noch die Psalmen beten?“ Die Antwort sei: „Ja, weil sie auch in Auschwitz gebetet wurden. Aber wir beten sie nicht mehr mit dem Rücken zur Shoa, sondern mit dem Gesicht zu ihr.“

In dem Gottesdienst, an dem zahlreiche VertreterInnen der christlichen Kirchen in Wien mitwirkten, erklärte der evangelisch-lutherische Bischof: „Wenn wir durch Jesus Christus hineingenommen sind in die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel, in die Geschichte der Verheißungen und des Segens, dann ist es unsere Aufgabe, dafür einzutreten, dass diese Weisungen Gottes auch hier und heute mitten unter uns ungefährdet gelebt werden können.“ Für die ChristInnen in Österreich bedeute das, „aller Judenfeindschaft, allem Antisemitismus entgegenzutreten und für ein gutes Miteinander zu sorgen“. Bünker betonte: „Wir stehen mit unserem Zeugnis und unserem Dienst dafür gerade, dass diese Weisungen Gottes der Welt zum Heil gegeben sind.“

Zu dem Gottesdienst am „Tag des Judentums“ hatten der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) und der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit geladen. Mit Deborah Weissmann, der Präsidentin des „Internationalen Rats der Christen und Juden“, nahm erstmals auch eine offizielle Vertreterin des Judentums an dem Gottesdienst teil, den die Kirchen in Österreich jedes Jahr am 17. Jänner feiern. Weissmann appellierte an Christen und Juden, sich gemeinsam für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt einzusetzen.

Am Montagvormittag war anlässlich des „Tags des Judentums“ erstmals eine Delegation des ÖRKÖ mit Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg zusammengetroffen. Die Begegnung sei in einer sehr freundschaftlichen Atmosphäre erfolgt, so der stellvertretende ÖRKÖ-Vorsitzende, Bischof Manfred Scheuer, nach dem Gespräch, über dessen Inhalte nichts bekanntgegeben wurde.

ISSN 2222-2464