Ökumenische Sommerakademie: Wer ist mein Nächster?

In der 15. Ökumenischen Sommerakademie im Stift Kremsmünster vom 10.-12. Juli steht heuer die Frage "Wer ist mein Nächster? Das Soziale in der Ego-Gesellschaft" im Mittelpunkt. Foto: Jan Sokol/Wikimedia
In der 15. Ökumenischen Sommerakademie im Stift Kremsmünster vom 10.-12. Juli steht heuer die Frage "Wer ist mein Nächster? Das Soziale in der Ego-Gesellschaft" im Mittelpunkt. Foto: Jan Sokol/Wikimedia

Das Soziale in der Ego-Gesellschaft – Tagung vom 10. bis 12. Juli in Kremsmünster

Linz (epdÖ) – „Wer ist mein Nächster? Das Soziale in der Ego-Gesellschaft“ lautet der Titel der diesjährigen Ökumenischen Sommerakademie vom 10. bis 12. Juli im Stift Kremsmünster. Die Sommerakademie geht dabei auch der Frage nach, was zehn Jahre nach der Veröffentlichung des Ökumenischen Sozialwortes der Kirchen Österreichs aus dieser Initiative geworden ist und wie sehr Egoismus oder aber Solidarität „Triebfedern der Gesellschaft“ sind. Das Eröffnungsreferat von Michael Pauen, Philosoph an der Berliner Humboldt-Universität, am 10. Juli trägt den provokanten Titel „Ohne Ich kein Wir. Warum wir Egoisten brauchen“. Als weitere Vortragende vorgesehen sind u.a. der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker, der griechisch-orthodoxe Metropolit Arsenios Kardamakis, der Innsbrucker römisch-katholische Bischof Manfred Scheuer und die Wiener katholische Sozialethikerin Ingeborg Gabriel.

Einer der Referenten, der Linzer römisch-katholische Fundamentaltheologe Ansgar Kreutzer, fordert beim Begriff „Ego-Gesellschaft“ Differenziertheit ein. „Zu behaupten, wir lebten im Vergleich zu früher in einer Ego-Gesellschaft, ist sicher verkürzt“, meinte er kürzlich in einem Interview. Solidarität werde nach wie vor geschätzt, „wenn sich auch ihre Art ändert“. Studien zeigen laut Kreutzer, dass die „Makrosolidarität“ abnehme – also anonyme und weitreichende Formen gegenseitiger Hilfe wie etwa das Vertrauen in den Sozialstaat oder politisches Engagement für das Gemeinwohl. Hoch im Kurs stünden aber weiterhin Formen der „Mikrosolidarität“ – Verbundenheit und Hilfsbereitschaft im unmittelbaren sozialen Umfeld oder punktuelles Engagement in einer konkreten Notlage. Auch wenn punktuelle Hilfe „en vogue“ und die Spendenbereitschaft ungebrochen seien: „Ein soziales Netz muss aber über solche akute Unterstützung hinausgehen“, betonte der Fundamentaltheologe. Umfassende Solidarität, von der alle profitieren, brauche Verlässlichkeit. „Insofern wäre es notwendig – gegen den Trend der Zeit -, stabile Institutionen sozialer Sicherung wie den Sozialstaat zu stützen.“

Auf die Frage, wen die Bibel mit „mein Nächster“ meint, antwortete Kreutzer: „Mein Nächster, dem ich Hilfe schulde, ist nicht der, der mir am nächsten steht“ hinsichtlich Volkszugehörigkeit, Interessen oder Sympathie. Es sei vielmehr „der, der meiner Hilfe bedarf“ – möglicherweise sogar ein Fremder, wie das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeige. Der beste Vorsatz zur Nächstenliebe, den in dem Gleichnis der vorübergehende Priester und der Levit sicher hatten, „nützt nichts, wenn er nicht in die Tat umgesetzt wird“.

Die Ökumenische Sommerakademie wird veranstaltet von der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz, dem Ökumenischen Rat der Kirchen, der „KirchenZeitung“, dem Stift Kremsmünster, dem Evangelischen Bildungswerk OÖ, den Religionsabteilungen des ORF in Fernsehen und Hörfunk sowie dem Land Oberösterreich. (Infos: www.ktu-linz.ac.at/)

ISSN 2222-2464