Oberkirchenrätin Reiner: Trösten, Mitleiden, konkrete Hilfe

Leid braucht Raum für Anklage, Trauer und Trost - vor allem aber Menschen, die an seiner Überwindung arbeiten, so der Grundtenor der ReferentInnen (Foto: Diözese Linz/Kraml)
Leid braucht Raum für Anklage, Trauer und Trost – vor allem aber Menschen, die an seiner Überwindung arbeiten, so der Grundtenor der ReferentInnen (Foto: Diözese Linz/Kraml)

Ökumenische Sommerakademie zum Thema „Leid“

Kremsmünster (epdÖ) – „Warum Leid?“ – Dieser Frage widmete sich die diesjährige Ökumenische Sommerakademie vom 15. bis 17. Juli im Stift Kremsmünster. Prominente Eröffnungsredner und zwölf hochkarätige Referenten sprachen in den drei Tagen zu 420 TagungsteilnehmerInnen, darunter MitarbeiterInnen im Hospizdienst und in der palliativmedizinischen Betreuung.

Menschlicher Beistand und materielle Hilfe gehören zusammen, wenn die Kirchen glaubhaft Solidarität leben wollen. Das war der Tenor der Abschlussdiskussion am Freitag. Die evangelische Oberkirchenrätin Hannelore Reiner hob das Engagement der Kirchen für Flüchtlinge hervor. Kirchen hätten jenen beizustehen, die leiden: „Die zentrale christliche Botschaft von Jesu Tod am Kreuz kann angesichts der Rede vom liebenden Gott nur als ein Mitleiden mit der Menschheit verstanden werden und damit aber auch als tröstende Hoffnung, auch im tiefsten Leid nicht gottverlassen zu sein.“ Die Kirche müsse Räume bieten, „wo Trauer und Trost möglich sind“, so Reiner. Ebenso wichtig erschien der Oberkirchenrätin aber auch das Aufzeigen von vermeidbarem Leid und damit „ein stellvertretendes Handeln für jene, die keine Stimme haben – bei uns und weltweit“. Trost könne man nur dann glaubhaft spenden, wenn man zugleich tatkräftig Hilfe leiste. Trösten sei eine besondere Begabung und dürfe nicht zu einem „hilflosen oder einem bewussten und damit zynischen Vertrösten verkommen“. In einer Gesellschaft, in der emotionale Regungen „ziemlich verpönt sind“, schaffen der christliche Glaube und die Kirchen nach wie vor Orte und Rituale, die die menschlichen Regungen des Leidens und Mitleidens ermöglichen.

Es sei unchristlich, aktiv das Leid zu suchen, „aber es wäre fatal, wenn wir Leidenden unsere Solidarität verweigern“, betonte der römisch-katholische Bischof Manfred Scheuer im Rahmen der Podiumsdiskussion. Fremdes Leid wahrzunehmen sei auch die Voraussetzung für eine erfolgreiche Friedenspolitik, zeigte sich der Bischof überzeugt. In der Asylfrage plä-dierte der Bischof einmal mehr für eine „Allianz der Humanität“, die neben den Kirchen alle gesellschaftlichen Kräfte umfassen solle.

Unter den Vortragenden bei der diesjährigen Ökumenischen Sommerakademie war auch Cecily Corti, die Leiterin der „VinziRast“-Einrichtungen für Obdachlose. Sie erläuterte, wie materielle und menschliche Hilfe zusammengehören. „Ich habe über Leid nie nachgedacht und auch keinen Gott dafür verantwortlich gemacht“, so Corti. „Ich habe bald für mich erkannt: Nur im unmittelbaren Miteinander kann ich anpacken, kann ich die Welt verändern. Ich habe mich gefragt: Wie kann ich im Alltag meinen Glauben an Wahrheit, Schönheit und Solidarität, an Liebe zum Ausdruck bringen?“ Corti betonte: „Satt ist nicht genug – und auch ein Dach über dem Kopf ist nicht genug. Der Staat tut viel – was der Staat nicht kann, ist lieben.“

Klaus Davidowicz vom Institut für Judaistik der Universität Wien wies in seinem Vortrag auf den historischen Umgang mit Leiderfahrungen im Judentum hin. In der hebräischen Bibel gebe es keine echten Konzepte zum Umgang mit Leid, in der jüdischen Religion werde weniger das Leid an sich thematisiert, sondern vielmehr der Umgang mit leidvollen Erfahrungen. In den unterschiedlichen Strömungen des Judentums würden sehr unterschiedliche Antworten auf die Frage nach dem Leid gegeben. Über Leiderfahrungen aus der Perspektive des Judentums sprach auch Willy Weisz, Vizepräsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit. „Ich sehe Leid als etwas, was überwunden werden muss und woran jeder Einzelne arbeiten muss“, stellte Weisz klar. Leid als Anstoß für Läuterung sei für ihn fraglich. „Das kann für den Einzelnen Geltung haben – was aber nicht erlaubt ist, ist das Zeigen auf jemanden, dem Leid widerfährt“, so Weisz. Leid als Folge der Schuld eines Einzelnen zu sehen, sei nicht zulässig.

Mit dem Leid aus christlich-theologischer Sicht setzten sich die Kasseler Alttestamentlerin Ilse Müllner, der Tübinger Neutestamentler Ulrich Heckel, die Marburger Religionspädagogin Ulrike Wagner-Rau und der Salzburger Sozialethiker und Religionsphilosoph Clemens Sedmak auseinander. Ein großer Teil des biblischen Sprechens zu Gott sei Klage, sagte. Müllner. „Das Aussprechen des erfahrenen Leids und Unrechts vor Gott, ihm das Herz auszuschütten, ist ein erster Schritt zur Bewältigung.“

Im Hinblick auf das Reformationsjubiläum 2017 wird sich die 18. Ökumenische Sommerakademie vom 13. bis 15. Juli 2016 dem Thema „Es muss sich etwas ändern“ widmen. Veranstaltet wird die Sommerakademie von der Katholisch-Theologischen Privatuniversität (KTU) Linz, dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich, dem Evangelischen Bildungswerk, der Linzer Kirchenzeitung, dem Stift Kremsmünster, den Religionsabteilungen des ORF in Fernsehen und Hörfunk und dem Land Oberösterreich.

ISSN 2222-2464