Oberkirchenrätin Reiner: Schulden unseren Kindern Kultur des Erinnerns

Ökumenischer Gottesdienst anlässlich des 71. Jahrestages der Novemberpogrome 1938 – Bischofsvikar Rühringer: Gefahr des Verdrängens und Vergessens allgegenwärtig

Wien (epd Ö) – „Wir schulden unseren Kindern die Kultur des Erinnerns. Das ist auch eine uralte Form des Generationenvertrags.“ Das erklärte die evangelische Oberkirchenrätin Hannelore Reiner bei einem ökumenischen Gottesdienst am Montagabend, 9. November, in der Wiener Ruprechtskirche. In dem Gottesdienst „Mechaye hametim – Der die Toten auferweckt“ wurde der Opfer der nationalsozialistischen Novemberpogrome gegen die jüdische Bevölkerung gedacht. In der Nacht von 9. auf 10. November 1938, die noch immer unter dem Nazi-Ausdruck „Reichskristallnacht“ bekannt ist, wurden im gesamten deutschen Machtbereich Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte zerstört und jüdische Wohnungen verwüstet.
„Ich zolle meinen tiefen Respekt jenen, die über diese Zeit nicht schweigen, sondern erzählen, ihre eigene Geschichte, wie Ruth Klüger, und ich bin voller Zuversicht, dass dies auch ein Stück Heilung für die Seele bringen kann“, sagte die Oberkirchenrätin in ihrer Predigt. An dunkle Kapitel des eigenen Lebens aber auch der Geschichte des eigenen Volkes erinnere sich niemand gerne. Auch die Kirchen, so Reiner, hätten lange Zeit gebraucht, bis sie dazu bereit gewesen wären. Die Oberkirchenrätin erinnerte in diesem Zusammenhang an ein Wort des Gedenkens, das zwei deutsche Bischofskonferenzen und die römisch-katholische Bischofskonferenz in Österreich 1988 veröffentlicht hatten und an die Erklärung der evangelischen Generalsynode von 1998 „Zeit zur Umkehr“.
„Ehrliches und reines Gedenken“ bedeute zunächst, „sich auch der dunklen Geschichte zu stellen“. Ein Blick in manche heutige Besatzungszonen und Militärregimes zeige, „dass sich nichts verändert hat“. Reiner: „Die Novembertage des Jahres 1938 und das, was diesen folgte, sind aus der Geschichte unseres Landes und unseres Volkes, in die wir hineingeboren wurden, nicht wegzulöschen mit der Entfernen-Taste. Sie gehören zu unserem kollektiven Gedächtnis.“ Aus der Bibel lasse sich lernen, „an der Last der Geschichte nicht zu zerbrechen und auch nicht ein Erinnern gegen jemanden anzuzetteln“, was die Feindspirale nur weitertreiben würde. Der Zweite Weltkrieg sei vor 70 Jahren „nicht einfach ausgebrochen“, sondern durch das nationalsozialistische Regime in „Großdeutschland“ gegen Polen erklärt worden. Dabei gehe es nicht bloß um historisches Andenken, entscheidend sei „die Vergegenwärtigung des vergangenen Geschehens, sodass die Geschichte für unsere Gegenwart und vielleicht auch Zukunft relevant wird und in Beziehung zu uns tritt“, bekräftigte die Oberkirchenrätin.
Der römisch-katholische Bischofsvikar Karl Rühringer warnte davor, das Geschehen des Jahres 1938 zu verharmlosen: „Die Gefahr des Verdrängens und Vergessens ist allgegenwärtig.“ Es gehe darum, bewusst zu machen, was es heißt, „wenn über 40 Synagogen zerstört und Menschen in den Tod getrieben werden“. Kirchen hätten die prophetische Aufgabe zu mahnen und „aus der Kraft der Erinnerung zu leben“, um so eine „gottgewollte, versöhnte Zukunft“ zu gestalten. Dazu brauche es „Wachsamkeit gegenüber dem, was war, und gegenüber dem Jetzt“, sagte Rühringer in dem Gottesdienst, zu dem mehrere kirchliche und jüdische Organisationen gemeinsam geladen hatten. Nach dem Gottesdienst zogen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit brennenden Kerzen schweigend zum Judenplatz, wo die Gedenklichter beim Mahnmal für die ermordeten Juden aufgestellt wurden.
Schrauf: Gesellschaft braucht Menschen, die gegen den Strom schwimmen
In einer Presseaussendung zum 9. November hat auch die Rektorin des Diakoniewerks Gallneukirchen, Christa Schrauf, dazu aufgerufen, „das eigene Denken und Handeln immer wieder zu reflektieren und die Stimme zu erheben, wo Menschen Rechte vorenthalten und sie ihrer Würde beraubt“ werden. Mehr denn je brauche es „zivilcouragierte Menschen, die gegen den Strom schwimmen, Unrecht benennen und gegenwärtigem Antisemitismus und aktueller Ausländerfeindlichkeit entgegentreten“. Aus eigener Erfahrung – Schrauf erinnerte an die Ermordung von 64 BewohnerInnen der diakonischen Einrichtung im Jahr 1941 – wisse das Diakoniewerk, „wie wichtig solches zivilgesellschaftliche Engagement ist“.

ISSN 2222-2464