Oberkirchenrätin Reiner: auftreten statt austreten

Die Turbulenzen in der Römisch-katholischen Kirche lassen auch die evangelische Schwesterkirche nicht unberührt, meint die lutherische Oberkirchenrätin

Wien (epd Ö) – „Als evangelische Christin ist es nicht möglich, unberührt zu bleiben von dem, was in der römisch-katholischen Schwesterkirche passiert“, sagte die lutherische Oberkirchenrätin Hannelore Reiner am Mittwochabend, 11. Februar, in einer Live-Diskussion auf dem Fernsehsender Puls4. Mit Reiner diskutierten in der Call-In-Sendung Hans Peter Hurka, Vorsitzender der Plattform „Wir sind Kirche“, und der frühere Priester und nunmehrige Psychotherapeut Johannes Wahala. Von der Römisch-katholischen Kirche war kein Amtsträger der Einladung zur TV-Debatte gefolgt.

Die Vorgänge rund um die Ernennung des Linzer Weihbischofs Gerhard Maria Wagner „können einen nicht kalt lassen“, erklärte Reiner, die selbst aus Oberösterreich stammt und dort über gute ökumenische Kontakte verfügt: „Ich weiß, wie es ihnen geht, wie sie darunter leiden.“ In der Diskussion um Kirchenaustritte müsse man differenzieren zwischen jenen, die sich schon länger von der Kirche entfernt hätten und nun den letzten Schritt setzten, und jenen, wo der konkrete Austritt gewissermaßen im aktuellen Konflikt als „Symbolhandlung“ passiere, als „letzter öffentlicher Schritt“ des Protests. Diesen Schritt könne sie verstehen, meinte die lutherische Oberkirchenrätin, die der gesamtösterreichischen Kirchenleitung angehört. Reiner: „Meine Bitte ist allerdings: auftreten statt austreten.“

Auftreten könne man jedoch nur, wenn man „noch nicht so geschlagen und diskriminiert ist, dass man am Boden liegt“, meinte Johannes Wahala, der eine Beratungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen leitet. Der Vatikan habe nichts aus den problematischen Bischofsernennungen der letzten Jahre gelernt, befand der frühere Priester, der aufgrund seines Eintretens für Homosexuelle seine Pfarrstelle verloren hatte.

Statt auszutreten, riet der Vorsitzende der Plattform „Wir sind Kirche“, Hans Peter Hurka, dazu, den römisch-katholischen Kirchenbeitrag auf ein Treuhandkonto zu überweisen. Dann könne man mit der Kirchenleitung „in Verhandlungen treten“. Bleibe man in der Kirche, gebe es „mehr Chancen, etwas zu verändern“. Den Kirchenbeitrag bejahte Hurka wie alle DiskussionsteilnehmerInnen „grundsätzlich“, denn die Gemeinschaft brauche auch einen materiellen Rückhalt für die Arbeit der Kirche. Skandalös sei im aktuellen Konflikt allerdings das „Schweigen der Bischöfe, das Mauern des Vatikans“. Die zahlreichen positiven Aspekte der Kirche, wie etwa der Dienst am Nächsten, das gemeinsame Arbeiten und das „Hereinnehmen von am Rande lebenden Menschen“ würden durch die Aktionen des Vatikans völlig übertönt.

Dass in einer kleinen Kirche wie der evangelischen der Kirchenbeitrag enorm wichtig sei, um die Personalkosten zu tragen und damit die Arbeit der Kirche zu finanzieren, unterstrich Oberkirchenrätin Reiner. Im Unterschied zur Römisch-katholischen Kirche gebe es „genug junge Männer und Frauen, die als Pfarrer oder Pfarrerin für die Evangelische Kirche arbeiten wollen“. Außerdem sei die Evangelische Kirche „von unten nach oben“ aufgebaut, Frauen im Pfarramt und in allen Leitungsämtern gleichberechtigt. Pfarrerinnen und Pfarrer würden ebenso wie SuperintendentInnen oder Bischöfe demokratisch gewählt. In der Römisch-katholischen Kirche ortete Hurka hingegen ein „massives Demokratieproblem“, und Wahala beklagte, dass im Unterschied zur Evangelischen Kirche die „Kraft von Synoden nicht genutzt“ werde.

ISSN 2222-2464