Neuerlicher Rekord für die „Lange Nacht der Kirchen“

Rund 275.000 Menschen – davon mehr als 120.000 allein in Wien – besuchten die rund 3000 Einzelveranstaltungen in ganz Österreich

Wien (epd Ö) – Neuerlicher Rekord an Besucherinnen und Besuchern für die „Lange Nacht der Kirchen“: Rund 275.000 Menschen – davon mehr als 120.000 allein in Wien – haben nach Schätzungen der Veranstalter am Freitagabend die offenen Kirchen besucht. In ganz Österreich standen 570 Gotteshäuser ab 18 Uhr offen und begeisterten die Besucherinnen und Besucher mit unterschiedlichsten Programmangeboten spiritueller, musikalischer und kultureller Art. Insgesamt wurden rund 3000 Einzelveranstaltungen bei freiem Eintritt angeboten. Die „Lange Nacht der Kirchen“ – ein gemeinsames Projekt aller 14 Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich – war in diesem Jahr zum ersten Mal in allen Bundesländern veranstaltet worden.

Wien: Überdimensionale Engelsskulptur, Fußball und „1968“

In der Bundeshauptstadt standen 1000 Programmangebote in mehr als 170 Gotteshäusern zur Wahl. Besuchermagnet Nummer eins war auch heuer wieder der Stephansdom. Mehr als 40.000 Menschen bestaunten im Lauf des Abends die spektakuläre Lichtinstallation des deutschen Künstlers Stefan Knor. Auf den Schwingen einer 90 Meter langen Engelsskulptur, die sich durch das ganze Hauptschiff der Kathedrale zog, wurden überdimensionale Porträtfotos unterschiedlicher Menschen projiziert. Die Bilder sollten zum Ausdruck bringen, dass jeder Mensch für andere zum Boten Gottes und damit zu einem Engel werden kann. Besonderen Anklang fanden auch jene Orte, die für KirchenbesucherInnen normalerweise nicht zugänglich sind wie Kirchtürme, Krypten und Klostergänge.

Der Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, nahm überraschend an einer Podiumsdiskussion über das Problem der Kirchenaustritte in der Franziskanerkirche teil. Die Reformierte Stadtkirche lud ab 21 Uhr zum Fußballkino in die Dorotheergasse ein und präsentierte Kurzfilme aus den EM-Austragungsländern Österreich und Schweiz zum Mythos rund um die „wichtigste Wuchtel der Welt“.

In der Lutherischen Stadtkirche in der Dorotheergasse ging es um die Auswirkungen der „Revolution von 1968“ auf Kirche und Gesellschaft. Der Pastoraltheologe Prof. Paul Zulehner sagte, man müsse „der Freiheit heute wieder die Gerechtigkeit abringen, ohne die Freiheit zu zerstören“. Die Freiheitsidee von 1968 sei politisch gewesen, im Sinne gesellschaftlicher Solidarität. Diese Freiheitsidee sei dann aber von vielen „privatisiert“ und „konsumistisch“ interpretiert worden. Angesichts der heutigen Krisenphänomene und Unsicherheiten bei den Jugendlichen gerate das Freiheitsideal wieder zunehmend ins Hintertreffen. In welche Richtung die Entwicklung gehen wird – wieder hin zu mehr Autoritätshörigkeit oder hin zu stärkerer Solidarität, lasse sich derzeit nicht absehen. Wer den positiven Aspekt von „1968“ retten will, dürfe den „Hilferuf“ derer nicht überhören, „die es nicht mehr alleine schaffen“, so Zulehner.

Weitere TeilnehmerInnen der Diskussion unter Leitung des ORF-Moderators Udo Bachmair waren die Publizistin Traudl Brandstaller, der SPÖ-Politiker Kurt Stürzenbecher und „Furche“-Chefredakteur Rudolf Mitlöhner. Brandstaller sagte, trotz unbestreitbarer Fehleinschätzungen der „68er“ – etwa dem mechanistischen Missverständnis, dass sich alles „machen“ ließe, oder dem Ja mancher zur Gewalt – gebe es eine Reihe bleibender Errungenschaften. Und die Ideen von Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität behielten immer ihre Kraft und Aktualität.

Nicht nur in der Innenstadt waren die Kirchentüren geöffnet. Die evangelische Kirche in Hetzendorf lud zur „Thomasmesse“ für „Zweifler und andere gute Christen“. In anderen Gemeinden wurden ökumenische Gottesdienst gefeiert, Theaterstücke, Konzerte und zahlreiche historische Angebote rundeten das Programm ab. Erstmals beteiligten sich an der Langen Nacht auch die Theologischen Fakultäten und Hochschulgemeinden. Die Krankenhausseelsorge im AKH und auch die Gefängnisseelsorge feierten mit: In der Kapelle des Landesgerichts gestalteten Oberkirchenrat Karl Schiefermair und Gefängnisseelsorger Matthias Geist einen ökumenischen Gottesdienst, wobei BesucherInnen sich auch über die Arbeit der Gefängnisseelsorge informieren konnten.

70 Jahre „danach“

In der evangelischen Thomaskirche in Favoriten nahm Superintendent Hansjörg Lein zur brisanten Frage der Verstrickung der österreichischen evangelischen Pfarrer in den illegalen Nationalsozialismus 1934-38 Stellung. Mehr als die Hälfte aller Pfarrer seien damals „illegale“ Parteimitglieder gewesen – ein Erbe der antikatholischen deutschnationalen Schönerer-Bewegung. „Man sprach von einer ‚braunen Kirche‘, und noch lange danach gab es von Nicht-Evangelischen deshalb Vorbehalte gegen die Evangelischen – und ich würde sagen: zu Recht“, so Lein. Das Jahr 2008 stehe deshalb für die evangelische Kirche im Zeichen von Aufarbeitung und Besinnung.

Der Präsident der jüdischen humanitären Organisation „B’nai B’rith“, Victor Wagner, berichtete über die Erinnerung seiner Eltern und Verwandten an 1938. Der Grund, warum die meisten aus Wien vertriebenen Juden und Jüdinnen nach 1945 nie mehr den Boden der Stadt betreten wollten, sei die Erinnerung an das schreckliche Erlebnis einer völligen Verhaltensveränderung der NachbarInnen und ArbeitskollegInnen praktisch innerhalb einer Nacht. Die Erinnerung an die Erfahrung der Erniedrigung und Beraubung durch NachbarInnen, die man kannte, sei „schlimmer als die Erinnerung an das KZ“. Der Pfarrer der Thomaskirche, Andreas Carrara, hatte die Veranstaltung mit israelischer Folklore mit der Volkstanzgruppe „Hava Nagila“ und Liedern zur hebräischen Bibel durch den Gospelchor der Thomaskirche einleiten lassen.

15.000 Besucherinnen und Besucher im Burgenland

Überrascht über die vielen Besucherinnen und Besucher der „Langen Nacht der Kirchen“ war man im Burgenland: An den rund 180 Veranstaltungen in 34 katholischen und sechs evangelischen Kirchen nahmen rund 15.000 Besucher teil. „Psalmen und geistliche Lyrik“ wurde etwa in der evangelischen Kirche in Eisenstadt geboten, in Loipersbach und Pinkafeld luden die evangelischen Pfarrgemeinden zu einem Orgelkonzert, Oberwart veranstaltete einen „Kinder- und Jugendevent“, während im Süden, in Deutsch Kaltenbrunn „Essen und Trinken in der Bibel“ vor der „Biblischen Millionenshow“ auf dem Programm stand.

Kärnten: Begegnung, Einladung, Gastfreundschaft

In Kärnten besuchten rund 12.000 Interessierte das vielseitige Programm an den insgesamt 39 Standorten der „Langen Nacht der Kirchen“ in Klagenfurt, Villach, St. Veit an der Glan, Maria Saal, Feldkirchen, Feistritz an der Drau, Friesach, Gurk, Völkermarkt, Wolfsberg und Millstatt.

Zu den Höhepunkten der „Langen Nacht der Kirchen“ zählte ein Vortrag von Germanistik-Doyen Prof. Wendelin Schmidt-Dengler zum Thema „Mit Leib und Seele. Fußball und Religion – ein weites Feld“ in der Klagenfurter evangelischen Johanneskirche und die anschließende Podiumsdiskussion mit Bischof Alois Schwarz, Superintendent Manfred Sauer, dem Schriftsteller Egyd Gstättner und dem ehemaligen Fußball-Nationalspieler Walter Ludescher.

Musikalische Highlights der „Langen Nacht der Kirchen“ in Kärnten waren das „Barocke Feuerwerk fürs Ohr“ der Dommusik im Klagenfurter Dom, das Konzert der „Heli-Family“ in der „Gospel-Kirche“ (evangelische Christuskirche in Klagenfurt) und das Hammond-Jazz-Konzert im Pfarrgarten der „Jazz-Kirche“ Klagenfurt-St. Theresia.

Oberösterreich: Starkes ökumenisches Zeichen

Rund 20.000 Menschen genossen den Freitagabend in einer der 50 Kirchen in Oberösterreich. Dort waren vor allem christliche Jugendorganisationen und Schulen aktiv. Besonders geschätzt wurde die kulturelle und spirituelle Vielfalt der kirchlichen Angebote.

Dass die „Lange Nacht der Kirchen“ ein starkes ökumenisches Zeichen ist, wurde beim Eröffnungsgottesdienst im Linzer Mariendom deutlich. „Jesus ermutigt uns Christen, Kirchen zu sein, von denen Vertrauen ausgeht und eine Berührung des Herzens geschieht. In dieser Nacht können Kirchen nicht nur Zufluchtsstätte sein, sondern auch Ausgangspunkt zu einem Leben in Gerechtigkeit“, sagte Markus Fellinger, der Vorsitzende des Forums der christlichen Kirchen in Oberösterreich.

Niederösterreich: „Kirche neu entdecken“

„Die ‚Lange Nacht der Kirchen‘ ist ein kräftiges und kreatives Lebenszeichen der Kirche“, betonte der St. Pöltner Dompfarrer Norbert Burmettler beim Ökumenischen Gottesdienst zur Eröffnung der „Langen Nacht“ am Freitagabend im Dom von St. Pölten. Die zahlreichen Veranstaltungen der verschiedenen christlichen Konfessionen sollten auch dazu beitragen, „manche verkrustete Klischees über Kirche“ abzubauen, so Burmettler.

Prof. Helmut Nausner von der methodistischen Kirche bekräftigte in seiner Ansprache die Bedeutung der ökumenischen Initiative, die heuer erstmals österreichweit stattfand: „Wo Christen sind, wirken sie als Salz der Erde und verbreiten ein Licht der Gnade Gottes.“ Als Zeichen dafür teilten die VertreterInnen der verschiedenen Kirchen brennende Kerzen an die GottesdienstbesucherInnen aus.

Der evangelische Superintendent Paul Weiland lud dann zum Besuch der mehr als 180 Programmangebote in St. Pölten und elf weiteren niederösterreichischen Gemeinden sowie in den Stiften Melk, Herzogenburg und Lilienfeld ein: „Wir laden Sie ein, Kirche neu zu entdecken oder wieder zu entdecken“, so Weiland.

In St. Pölten konnten die tausenden „Lange Nacht“-BesucherInnen bis Mitternacht einen kostenlosen Shuttlebus benutzen, der sie von Kirche zur Kirche brachte. Propst Maximilian Fürnsinn eröffnete im Pfarrzentrum St. Stephan in Herzogenburg eine Ausstellung zum Thema „Die Schöpfung“ mit einem Bilderzyklus der Künstlerin Christine Huber. Der Mensch sei heute zum Maß aller Dinge geworden, die „Spuren Gottes in der Schöpfung“ würden nicht mehr wahrgenommen, meinte Fürnsinn aus diesem Anlass. Es brauche wieder „Ehrfurcht und Staunen vor der Schöpfung“.

Salzburg: Lichterlabyrinth

Rund 10.000 Menschen – doppelt so viele als im Vorjahr – besuchten das Programm der „Langen Nacht der Kirchen“ in den 24 teilnehmenden Gotteshäusern der Stadt Salzburg. Aus 870 Kerzen war im Dom ein Lichterlabyrinth aufgebaut. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher bestiegen den Turm der evangelischen Christuskirche. Ein Zentrum der „Langen Nacht“ war auch das Erzstift St. Peter.

„Es ist eine Nacht, um hinter so manche Geheimnisse zu kommen. Ich wünsche allen Menschen, die in der ‚Langen Nacht der Kirchen‘ unterwegs sind, gute Erfahrungen und Möglichkeiten, Gott zu entdecken“, hatte die evangelische Superintendentin Luise Müller bei der Auftakt-Vesper in der evangelischen Christuskirche gesagt.

45.000 Steirerinnen und Steirer bei „Langer Nacht“

In der Steiermark wurden rund 45.000 Besucherinnen und Besucher bei den mehr als 700 Veranstaltungen in 110 Kirchen und kirchlichen Orten gezählt. Hier waren etwa Stefanie Werger oder Peter Simonischek im Einsatz. Auch durch die Grazer Heilandskirche wurde geführt, ein Konzert mit dem Kinderchor unter Thomas Wrenger war dort ein weiterer Programmpunkt. Biblisch Kochen stand in Murau auf dem Programm. In Liezen konnte man die serbisch-orthodoxe Kirche kennenlernen. In Leibnitz wurde der Sonnengesang des Franziskus multimedial dargeboten. In Gleisdorf gab es in dieser Nacht ein „Labyrinth der 1000 Lichter und 1000 Bitten“.

Tirol beteiligte sich erstmals an der ökumenischen Aktion

Tirol beteiligte sich am Freitag erstmals an der „Langen Nacht der Kirchen“. In die geöffneten 53 Kirchen in Innsbruck, im Außerfern, im Raum Lienz sowie in Schwaz und Zirl kamen geschätzte 15.000 Menschen und ließen sich bei 111 Veranstaltungen vom kulturellen und spirituellen Flair der Kirchen und der kirchlichen Angebote überraschen. Auf Interesse stießen u.a. eine nächtliche Führung durch den Friedhof von St. Nikolaus, kirchliche Schatzkammern, Bibellesungen, literarische Stunden, Tanz, Wanderungen zu Kapellen, Gespräche, kinder- und jugendspezifische Angebote oder Taizé-Gesänge.

70 Veranstaltungsorte in Vorarlberg

In den Vorarlberger Kirchen waren mehr als 20.000 Menschen unterwegs, u.a. bei einer Rockmesse in Dornbirn-Rohrbach mit rund 600 Besucherinnen und Besuchern. Insgesamt hatten mehr als 70 Veranstaltungsorte ihre Pforten geöffnet. Gemeinsam boten die katholische, evangelische und orthodoxe Kirche mehr als 200 Programmpunkte an.

ISSN 2222-2464