Neue und kreative Zugänge zur Bibel

Henner: Die Bibel hält unsere Versuche aus

Gallneukirchen, 27. August 2003 (epd Ö) „Wir brauchen neue, kreative Zugänge zur Bibel zurück“, dies sagte die Direktorin der Österreichischen Bibelgesellschaft und Lektorin am Institut für Neutestamentliche Wissenschaft in Wien, Dr. Jutta Henner, in ihrem Eröffnungsvortrag „Zugänge und Barrieren zur Bibel“ auf der gesamtösterreichischen PfarrerInnentagung am vergangenen Dienstag in Gallkneukirchen. Die viertägige Tagung vom 25. bis 28. August steht in diesem Jahr unter dem Motto: „Zugänge zur Bibel“. Neben Vorträgen von Henner und der Theologin und Pädagogin Viola Raheb, „Feindesliebe – Option für das Leben?“ gab es auch eine „Werkstatt Bibel“ im Angebot. So konnten die rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wählen unter „Die Bibel ins Spiel bringen“; „die Bibel zum Klingen bringen“; „die Bibel zur Sprache bringen“; „die Bibel im Dialog mit der Welt“, und „die Bibel aus dem Schweigen ins Leben bringen“. Musikalisch begleitet wurde die Tagung von Landeskantor Mag. Matthias Krampe.

Funktionalen Analphabetismus ernst nehmen

Derzeit würde, so Henner in ihrem Referat, lediglich ein Prozent der 14-25-Jährigen die Bibel lesen. Auch Schülerinnen und Schüler fänden die Bibel weitgehend „trocken und langweilig“. Dies habe differenzierte Ursachen: „Wer schlechte Erfahrungen gemacht hat in der Kirche, im Religionsunterricht oder der Jugendgruppe, der kehrt in aller Regel nicht mehr zur Bibel zurück.“ Aber auch der „funktionale Analphabetismus“ in der Bevölkerung müsse ernst genommen werden: „Immer mehr Menschen sind nur noch in der Lage, Texte in der Länge von Überschriften zu erfassen.“ So sei kürzlich sei eine französische Bibel herausgegeben worden, in der kein Satz mehr als sechs Worte umfasse.

Der Schlüssel ist die gemeinschaftliche Erfahrung

Auch die Frömmigkeitspraxis in unseren Kirchen sei „eine der Barrieren, die die Bibel aus dem Leben herausdrängen. Bibel lesen ist zu einer individualistischen Angelegenheit verkommen: Ein Mensch sitzt mit gesenktem Kopf und liest.“ Das sei Jahrhunderte lang anders gewesen: „Die Bibel wurde erzählt, gespielt und laut gelesen. Das war ein gemeinschaftlicher Zugang zur Bibel.“ Heute hingegen sei unser Zugang zur Bibel westlich-rational bestimmt: „Der historisch-kritischen Methode verdanken wir viel, wir müssen sie aber ergänzen mit anderen Zugängen.“ Henner nannte die feministische Exegese, die Befreiungstheologie oder die tiefenpsychologische Auslegung, die Bilder und Symbole der Bibel heranzieht.

„Der Schlüssel ist die gemeinschaftliche Erfahrung der Bibel: Menschen haben Erfahrungen gemacht und gesammelt mit ihrem Gott an ihrer Seite. Die Erfahrungen der Menschen heute sind ein Zugang dazu. Henner betonte, die Bibel sei „kein Gott“, sondern auch immer nur ein Zugang, „gleichsam wie ein Spiegel von Gott“. Und alle unsere Zugänge seien immer Schritte und Versuche, „aber die Bibel hält diese Versuche aus.“

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ISSN 2222-2464