Nahost-Studientag beschäftigte sich mit Israel/Palästina

Mit dem kontrovers diskutierten Dokument "Die Stunde der Wahrheit. Ein Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe aus der Mitte des Leidens der Palästinenserinnen und Palästinenser" aus dem Jahr 2009, in dem etwa die von Israel errichtete Trennmauer thematisiert wird, beschäftigte sich ein Nahost-Studientag in Wien (Foto: wikimedia)
Mit dem kontrovers diskutierten Dokument "Die Stunde der Wahrheit. Ein Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe aus der Mitte des Leidens der Palästinenserinnen und Palästinenser" aus dem Jahr 2009, in dem etwa die von Israel errichtete Trennmauer thematisiert wird, beschäftigte sich ein Nahost-Studientag in Wien (Foto: wikimedia)

Im Mittelpunkt stand das Kairos-Palästina-Dokument von 2009

Wien (epdÖ) – „Die Evangelische Kirche in Österreich und unsere theologischen Positionen zu Israel/Palästina“ war der Titel eines Studientages, der sich mit theologischen und politischen Fragen in Bezug auf das Land Israel/Palästina auseinandersetzte. Im Mittelpunkt des Studientages, an dem neben VertreterInnen der Kirchenleitung auch andere Personen, die sich im christlich-jüdischen Dialog engagieren, teilnahmen, stand das Kairos-Palästina-Dokument vom Dezember 2009, das in der Evangelischen Kirche und in der weltweiten Ökumene kontrovers diskutiert wird.

„Das Dokument ‚Die Stunde der Wahrheit. Ein Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe aus der Mitte des Leidens der Palästinenserinnen und Palästinenser‘ hat eine breite ökumenische Basis in Palästina“, erklärte die evangelische Theologin und Konsulentin für Entwicklungszusammenarbeit und Erwachsenenbildung, Viola Raheb. Bei dem Dokument handle es sich um keine theoretische Studie, es sei auch kein politisches Papier, sondern ein Dokument des Glaubens und ein Arbeitspapier, so Raheb. Der Text sei kontextuell zu verstehen, daher würde er auch Missstände wie etwa die Trennmauer, die der Staat Israel auf palästinensischem Territorium errichtet habe, klar benennen und kritisieren. Ziel des Papiers sei es, die israelische Besetzung der palästinensischen Gebiete sowie jede Form von Diskriminierung zu beenden.

„Mit dem Aufruf nach dem Ende der Besatzung fordern die Verfasser nichts anderes als Gerechtigkeit“, betonte Raheb. „Gewaltloser Widerstand ist das zentrale Anliegen des Dokuments.“ Als eine Maßnahme des gewaltlosen Widerstandes sprechen sich die Verfasser des Dokuments, das sich in erster Linie an Palästinenserinnen und Palästinenser richte, für den „Rückzug von Investitionen und für Boykottmaßnahmen der Wirtschaft und des Handels gegen alle von der Besatzung hergestellten Güter“ aus. Ziel dieser BDS-Maßnahmen (Boycott, Divestment and Sanctions) sei aber nicht Rache, heißt es im Dokument, sondern die Beseitigung des Übels und des Unrechts. „Wir sehen darin die Befolgung des Grundsatzes des friedlichen Widerstandes“, so das Kairos-Papier.
Auf den Einwand, dass das Papier zu unausgewogen sei, da die israelische Seite und Position nicht ausreichend berücksichtigt werde, erwiderte Raheb einerseits noch einmal, dass es sich nicht um ein politisches Papier handle. Andererseits machte sie klar, dass das Dokument narrativ aus Sicht der Palästinenserinnen und Palästinenser geschrieben sei. Es sei ein Schrei „mitten aus dem Leiden unseres von Israel besetzten Landes heraus“ und ein „Schrei der Hoffnung …, der erfüllt ist vom Gebet und von dem Glauben an Gott“.

Wolfgang Raupach-Rudnick, Vorsitzender der Lutherischen Europäischen Kommission für Kirche und Judentum (LEKKJ) und Mitglied des EKD-Ausschusses Kirche und Judentum, beschäftigte sich in seinem Referat mit dem „Gelobten Land“ und versuchte eine theologische Annäherung. „Die Entstehung des Staates Israel 1948 traf die Kirchen völlig unvorbereitet. Sie löste Verwirrungen aus, nach traditioneller Lehre schien dieses Ereignis unmöglich“, erklärte Raupach-Rudnick. Lange Zeit sei man davon ausgegangen, dass die Verstreuung des jüdischen Volkes über die ganze Welt – Diaspora – eine Strafe Gottes für die Nicht-Annahme des Evangeliums darstelle. Erst nach und nach hätten sich Synoden mit dieser neuen theologischen Herausforderung auseinandergesetzt. Eine der ersten Stellungnahmen sei „Israel – Volk, Land, Staat“ gewesen, die 1970 in den Niederlanden beschlossen wurde. Hier sei festgehalten worden, dass Gott seine Treue dem Volk Israel gegenüber gehalten habe. Diese und ähnliche Stellungnahmen, darunter die von der österreichischen Generalsynode verabschiedete Erklärung „Zeit zur Umkehr“ von 1998 hielten fest, dass das Volk Israel von Gott nicht verworfen worden sei. „Wir bekennen uns zur bleibenden Erwählung Israels als Gottes Volk. Diesen ‚Bund hat Gott nicht gekündigt‘ (Martin Buber). Er besteht bis ans Ende der Zeit“, heißt es in „Zeit zur Umkehr“.

Raupach-Rudnick betonte, dass Israel ein Staat sei wie jeder andere auch, er habe seine Existenzberechtigung durch den demokratischen Entschluss der Völkergemeinschaft erhalten. Man könne als Christ aber auch theologische Aussagen treffen, denn er sei „für Juden nicht ein Staat wie jeder andere auch“. Ein Blick ins Alte Testament zeige aber, dass es unterschiedliche Konzepte über das Land Israel gäbe. Eine Grenzziehung heute mit Hilfe der Bibel sei unmöglich, ist Raupach-Rudnick überzeugt. „Die in der Bibel gezogenen Grenzen sind nicht einheitlich.“ Abschließend zitierte er den deutschen Theologen Markus Barth (1920-1994), der sich intensiv im christlich-jüdischen Dialog engagierte: „Wichtiger als der Staat ist das Land, wichtiger als das Land ist das Volk“.

Der Nahost-Studientag, zu dem Bischof Michael Bünker und Landessuperintendent Thomas Hennefeld eingeladen hatten, fand nicht zum ersten Mal statt. Seit dem Jahr 2003 gibt es regelmäßige Treffen, um theologische Positionen zum Thema Israel/Palästina zu erarbeiten und zu diskutieren.

ISSN 2222-2464