„Monströs misslungen“: Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“

Sigrid Löffler, Michael Bünker, Cornelius Hell und Oliver Rathkolb über den umstrittenen Holocaust-Roman

Wien (epd Ö) – Einhellig negativ beurteilte eine ExpertInnenrunde den neuen Holocaust-Roman von Jonathan Littell „Die Wohlgesinnten“. Auf Einladung der Evangelischen Akademie Wien haben sich die Literaturkritikerin Sigrid Löffler, der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker, der Feuilleton-Chef der „Furche“, Cornelius Hell, und der Historiker Oliver Rathkolb in einer von Sebastian Fasthuber („Der Falter“) moderierten Diskussion am Mittwochabend, 26. März, im Wiener Albert Schweitzer Haus mit dem umstrittenen Werk des 40-jährigen US-Autors auseinandergesetzt. Littell, der seit einigen Jahren in Frankreich lebt, schildert auf 1400 Seiten detailreich die Vernichtungsmaschinerie aus der Perspektive des fiktiven SS-Sturmbannführers Max Aue. Dabei mischt der Autor mit jüdischen Wurzeln historische Fakten mit fiktiven Elementen.

Die Detailversessenheit sei „ermüdend und langweilig“, meinte Bischof Bünker. Man werde durch „ein Sammelsurium von aufgetürmten Leichen gejagt“, setzte Cornelius Hell fort, und „stumpft dabei ab wie beim Hören von Nachrichten“. „Gar nicht überrascht von diesem monströsen Buch“ zeigte sich Sigrid Löffler. Weil immer mehr ZeitzeugInnen sterben, sei der Stoff frei verfügbar. Ohne Zurückhaltung werde nun auch fiktiv damit umgegangen. Im historischen Roman Littells ortet Löffler mehrere Widersprüche, vor allem in der Figur des Helden. Anders als die klassische Durchschnittsfigur des historischen Romans sei der homosexuelle Max Aue „horrend extravagant beladen“. Littell packe in die Figur darüber hinaus noch Inzest-Elemente und zeichne den Juristen als gebildeten Ästheten und reuelosen Mörder. Löffler: „Ungeheuerliche Ambitionen, monströs misslungen“.

Durchaus positive Aspekte kann der Historiker Oliver Rathkolb dem Roman abgewinnen. Einzelbiografien seien „relativ gut recherchiert“, die von den anderen DiskussionsteilnehmerInnen kritisierten historischen Fehler sieht Rathkolb gelassen. Littell habe kein historisches Werk schreiben wollen, sondern einen Roman, in dem die „Versatzstücke stimmen“. Am Beispiel des Holocaust habe Littell „zumindest versucht zu erklären, wie eine Gesellschaft, die auf dem Zug der Moderne war, zu so einem drastischen Genozid in dieser schrecklichen Fadesse der Gewöhnlichkeit fähig war“.

Anders als Rathkolb sahen seine DiskussionspartnerInnen in Littells Roman durchaus die Gefahr, den Nationsozialismus zu relativieren, wenn etwa, wie Löffler bemerkte, Littell die These vertrete, „dass alle Menschen zu dem im Stande wären, was die SS-Offiziere hier tun“, oder ständig der Hinweis käme, die Juden wären „nur eine Opfergruppe“ gewesen. Bünker kritisierte in diesem Zusammenhang, dass auch in der Position des Romanhelden Aue „Es war ja Krieg – ich bereue nichts, habe meine Arbeit nur getan“ eine deutliche Gefahr der Relativierung liege. Für Rathkolb hingegen ist das Buch ein „Versuchsballon“, die notwendige Debatte über die Täter an die Oberfläche zu bringen: „Wenn man sich durchgequält hat, liegen die richtigen Fragen offen.“

Antworten des Autors vermissten allerdings die anderen DiskussionsteilnehmerInnen, etwa in der Frage nach den Motiven oder nach der Schuld. „Das ‚Wie konnte es dazu kommen?‘ fehlt ganz“, sagte Bünker. Ohne Schulddiskussion sei dieser Stoff nicht zu verstehen, so der Bischof.

ISSN 2222-2464