Miroslav

Die Grenze hatte es geschafft, Nachbarn einander zu entfremden. Foto: pixabay
Die Grenze hatte es geschafft, Nachbarn einander zu entfremden. Foto: pixabay

Grenzen sind Geschichte. Michael Chalupka über die Wende vor 30 Jahren

Dieser Tage stand Miroslav vor der Tür. Es waren die Tage der samtenen Revolution vor 30 Jahren, der Wende in der damaligen Tschechoslowakei. Miroslav hatte einen roten Bart und fuhr ein altes Rennrad. Er klingelte an der Tür meines Pfarrhauses in Mistelbach und stellte sich als Nachbarpfarrer vor. Die Grenze war offen.

Mirsolav war Pfarrer von Hrabětice. Und Hrabětice lag genau 10 km hinter der Grenze, gegenüber von Laa an der Thaya. Und doch hatten wir nichts voneinander gewusst. Die Grenze schien undurchdringlich. Die Grenze hatte es geschafft Nachbarn einander zu entfremden. Bei unserer ersten Begegnung, es war ein Samstag morgen, tranken wir Kaffee, später kam so manches Bier dazu. Wichtiger aber waren die gemeinsamen Gottesdienste, diesseits und jenseits der Grenze. Wir sangen und beteten in verschiedenen Sprachen und erfreuten uns unseres gemeinsamen Glaubens. Unsere Gemeinden lernten sich kennen.
Sogar die leidvolle Geschichte, die trennte und verband konnte angesprochen werden.

Eine neue Welt tat sich auf. Damals hielten wir unseren Landstrich, der lange am Rande gelegen war, für das neue Zentrum Europas. Heute sind die Grenzen Geschichte. Miroslav und ich haben uns aus den Augen verloren, aber nicht vergessen, denn die Wende vor 30 Jahren hat Geschichte geschrieben in der großen Weltpolitik aber auch im Leben zweier kleiner Landpfarrer im Herzen Mitteleuropas.

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ISSN 2222-2464