Menschen wollen im Alter professionelle Pflege und soziale Wärme

„market“-Institut erhob im Auftrag der Diakonie Einstellung der ÖsterreicherInnen zu Alter und Pflege – Chalupka: „Lebensqualität auch bei Pflegebedürftigkeit ist Menschenrecht“

Wien (epd Ö) – Die Österreicherinnen wünschen sich im hohen Alter neben professioneller Pflege vor allem auch ein gutes soziales Umfeld. Das ergibt eine aktuelle Umfrage, die das „market“-Institut im Auftrag der Diakonie durchgeführt hat. Wie Werner Beutelmeyer bei der Präsentation der Studie am Donnerstag, 30. März, in Wien sagte, gebe es zugleich drei Urängste, die von den ÖsterreicherInnen im Zusammenhang mit Alter und Pflegebedürftigkeit festzustellen sind: Die Angst, anderen zur Last zu fallen, die Kontrolle über sich zu verlieren und nicht mehr selbst über den eigenen Alltag bestimmen zu können. Ein Drittel (34 Prozent) der ÖsterreicherInnen möchte im Alter von Familienangehörigen gepflegt werden, 27 Prozent von mobilen Diensten und 29 Prozent wollen in kleinen Pflegeeinrichtungen betreut werden. Nur vier Prozent sprechen sich für große Pflegeheime aus.

Wie die Studie weiter zeigt, setzt sich ein Großteil der ÖsterreicherInnen aber kaum mit dem Thema Alter und Pflege auseinander. Nur 21 Prozent der Bevölkerung ab 18 Jahren beschäftigen sich häufiger damit. Beutelmeyer: „Das Hochbetagtenalter wird systematisch aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein ausgeklammert. Hier haben wir einen blinden Fleck.“

Diakoniedirektor Michael Chalupka leitete aus dem Ergebnis der Umfrage zentrale Forderungen ab: Da die Wünsche nach Pflege im Alter sehr unterschiedlich sind, brauche es differenzierte und den jeweiligen Bedürfnissen der Bewohner angepasste Pflegekonzepte und Einrichtungen. Das differenzierte Angebot müsse neben mobiler Hauskrankenpflege und stationären Pflegeheimen eine Reihe weiterer Möglichkeiten wie Wohngemeinschaften oder Tageszentren beinhalten. Chalupka: „Lebensqualität auch bei Pflegebedürftigkeit ist kein Almosen, sondern ein Menschenrecht.“ Dazu gehöre etwa das Recht auf Intimität, was wiederum Einzelzimmer statt Zwei- oder Mehrbettzimmern bedinge. Soweit möglich, gebe es auch ein Recht auf Selbstbestimmung des pflegebedürftigen Menschen. „Der Alltag darf sich nicht nach den Regeln einer Institution richten, sondern muss sich nach den Bedürfnissen der Menschen richten“, so Chalupka. Statt je nach Bundesland unterschiedliche gesetzliche Regelungen für den Pflegebereich brauche es einheitliche bundesweite Standards. Auch habe die Politik dafür zu sorgen, dass für jeden Menschen, unabhängig von seinem Einkommen, eine qualitativ hochwertige Pflege garantiert ist.

Vorzeigemodell „Hausgemeinschaft“

Die Diakonie hat mit „Hausgemeinschaften“ für Senioren ein neues Pflegemodell ins Leben gerufen, dass sich an zwei Standorten – Graz und Wels – bereits bestens bewährt habe, wie Monika Geck von der Diakonie berichtete. In den kleinen Hausgemeinschaften stehe bei aller Pflege das alltägliche Wohnen im Vordergrund. Einzelzimmer für jeweils zehn bis zwölf Bewohner sind um eine zentrale Wohnküche angeordnet. Die Atmosphäre sei „wohnlich und heimelig“, so Geck. „Alltagsmanagerinnen“ begleiten die alten Menschen bei ihren täglichen Bedürfnissen. Dazu zählt neben der Hilfe bei der Körperpflege und dem Anziehen etwa auch das Vorbereiten der Mahlzeiten. Diese kommen nicht aus einer Großküche, sondern werden vor Ort frisch zubereitet. Erste Erfahrungen hätten gezeigt, dass viele der Bewohner, auch solche, die an Demenz erkrankt sind, wieder aufblühen, so Geck. Neue Lebensfreude sei bei vielen spürbar. Es brauche auch keine besonderen Beschäftigungsprogramme für die Bewohner. Der Alltag sei in der Regel „Programm“ genug. Wie Geck und Chalupka betonten, sei dieses neue Pflegemodell nicht teurer als herkömmliche Einrichtungen. Es biete aber weit mehr Lebensqualität. 2007 soll in Wien eine weitere „Hausgemeinschaft“ der Diakonie ihren Betrieb aufnehmen.

ISSN 2222-2464