Medienmenschen über Religion und Journalismus

Über das Verhältnis zwischen Glaube und Beruf diskutierten die Journalistinnen Saskia Jungnikl, Renata Schmidtkunz, Julia Schnizlein und der Journalist Thomas Kramar (v.l.), in der Bildmitte Oberkirchenrat Karl Schiefermair, der das Gespräch moderierte. Foto: epd/M. Windisch
Über das Verhältnis zwischen Glaube und Beruf diskutierten die Journalistinnen Saskia Jungnikl, Renata Schmidtkunz, Julia Schnizlein und der Journalist Thomas Kramar (v.l.), in der Bildmitte Oberkirchenrat Karl Schiefermair, der das Gespräch moderierte. Foto: epd/M. Windisch

Schmidtkunz: „Sprache der Kirche ist nicht Sprache des Journalismus“

Wien (epdÖ) – Was glauben Menschen aus der Welt der Medien? Über das Verhältnis von persönlichem Glauben und Berufsleben unterhielten sich evangelische Journalistinnen und Journalisten im Rahmen der Gesprächsreihe „Was ich glaube“ am 27. April in Wien. Über religiöse Themen werde nicht anders berichtet als über alle anderen Themen, waren sich die Gesprächsgäste einig. „Ich schreibe über Religion, Glaube, Kirche so wie über jedes andere Thema auch. Ich sehe da keinen Unterschied. Ich bin nicht aufgewachsen mit diesem Gott im Hinterkopf“, erklärte Saskia Jungnikl (Journalistin und Autorin). „In meinem Buch über den Suizid meines Vaters („Papa hat sich erschossen“, Fischer 2014, Anm.) habe ich in einem Kapitel beschrieben, wie die Katholische Kirche das Thema Suizid sah, und da schreibe ich eben auch, dass sie bis in die 1980er Jahre hinein Menschen, die Suizid begangen haben, nicht beerdigt haben. Ich habe es geschrieben, wie es ist, das ist dann nicht beleidigend.“ Eine wichtige journalistische Aufgabe bestehe darin, religiöse Phrasen, die oft verwendet würden, zu erläutern, betonte Julia Schnizlein („News“): „Wenn etwa die FPÖ mit dem Slogan ‚Liebe deinen Nächsten‘ wirbt und damit aber ausschließlich die Österreicher meint, dann ist es wichtig, wieder christliche Inhalte zu erklären.“

Dabei dürfe sich der Journalismus aber nicht der Sprache der Kirche bedienen, sagte die Radio- und Fernsehjournalistin Renata Schmidtkunz (ORF): „Die Sprache des Journalismus ist eine eigene Sprache und nicht die Sprache der Politik, der Interessensverbände, der Wirtschaft, aber eben auch nicht der Kirche.“ Zeitungsjournalist Thomas Kramar („Die Presse“) ist wichtig, dass sich Christen auch kritische Berichterstattung gefallen lassen müssen. „Christen dürfen nicht schnell beleidigt sein. Christen müssen sich auch verspotten lassen, das müssen wir aushalten. Das ist ja auch schon in der Passionsgeschichte drin.“

Schmidtkunz und Schnizlein, die beide evangelische Theologinnen sind, hoben den Stellenwert ihres Studiums für ihre journalistische Arbeit hervor. „Ich wollte eigentlich Pfarrerin werden, weil ich es spannend finde, Menschen kennenzulernen, ihnen zuzuhören. Das erlebe ich jetzt auch in meiner Arbeit. Deshalb bin ich auch im Magazinjournalismus gelandet, da geht es um Menschen“, erzählte Schnizlein. Beim Theologiestudium in Wien habe sie Denken gelernt, so Schmidtkunz. Texte auslegen, Zusammenhänge analysieren, Aussagen deuten, all das helfe ihr bei ihrer Arbeit als Journalistin immens. „Bei Menschen, die ich interviewe, möchte ich deutlich machen, in welchem Gepräge und in welchen Denkstrukturen dieser Mensch aufgewachsen ist. Schnell kommt man dann drauf, welche Glaubenssätze diese Menschen geprägt haben. Ich möchte verstehen, warum ein Mensch tut, was er tut“, meinte Schmidtkunz. Dieses Interesse habe sich einerseits beim Theologiestudium entwickelt, andererseits habe sie ihre Kindheit in einem evangelischen Pfarrhaus nachhaltig geprägt.

Angesichts des Phänomens „Fake News“ und der Filterblasen und Echokammern in den sozialen Netzwerken, die dazu führten, dass Menschen nur mehr jene Nachrichten sehen, die ihren Meinungen und Vorurteilen entsprechen, kritisierte Schmidtkunz, dass Journalismus immer mehr zu einem Produkt werde, das sich wirtschaftlich rentieren muss. „Als Tageszeitungsjournalist meine ich, man muss Menschen mit Nachrichten und Berichten konfrontieren, die sie nicht gewohnt sind“, unterstrich Kramar. „Allerdings ist es auch problematisch, dass wir den Menschen aufzwingen, was sie zu lesen haben, weil wir bestimmen, was in die Zeitung kommt. Diese ‚Gatekeeper-Funktion‘ ist schon so etwas wie eine Minidiktatur.“ Und Schmidtkunz ergänzte: „Ich kann diesen Zynismus in der Welt nicht mehr ertragen, deswegen gehe ich seit drei oder vier Jahren wieder in die Kirche. Ich will auch etwas Anderes hören, einen Raum haben, der nicht wirtschaftlich vermessen wird.“

Moderiert wurde die Gesprächsrunde in den Evangelischen Schulen am Karlsplatz von Oberkirchenrat Karl Schiefermair. Den Abschluss der Gesprächsreihe zum Reformationsjubiläum bildet der Abend am 18. Mai (19 Uhr). Er steht unter dem Thema „Was glauben Menschen mit Behinderung?“. Autoren und Autorinnen der Literaturwerkstatt des Diakoniewerks Gallneukirchen werden dabei aus ihren Werken lesen.

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ISSN 2222-2464