Mauthausen: „Was geschehen ist, kann wieder geschehen“

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Ökumenischer Gottesdienst in KZ-Gedenkstätte

Wien/Linz (epdÖ) – Mit einem eindringlichen Appell zur gesellschaftlichen Wachsamkeit begannen am Sonntag die Gedenkfeierlichkeiten zum 71. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen: So mahnte der römisch-katholische Pfarrer Christian Öhler bei einem ökumenischen Wortgottesdienst zum Auftakt der Gedenk- und Befreiungsfeier in der Kapelle der Gedenkstätte: „Was geschehen ist, kann wieder geschehen“. Das gesellschaftliche Klima sei rauer geworden, „dass wir unter einer weit verbreiteten Sprachverwirrung leiden“, lasse sich „nicht leugnen“, so Öhler.

„Ein überhöhter Bezug auf die Nation verbindet die Beschwörung eines Gefühls der Zusammengehörigkeit nach innen mit einer aggressiven Abwehrhaltung nach außen“ – dies ergebe jene Melange, die die „dunklen Seiten jener Zeit“, an die man heute erinnere, zu „dunklen Möglichkeiten unserer Zeit“ werden lasse. Schließlich sei der „Übergang von sprachlicher Gewalt in brachiale Gewalt gegen Sachen, Leib und Leben ein fließender“, verwies Öhler etwa auf Befunde des letztjährigen Verfassungsschutzberichts. Darin wird eine deutliche Zunahme von fremdenfeindlichen Übergriffen festgestellt und unmittelbar in Zusammenhang gesetzt mit einer Zunahme von „Hassreden“ und fremdenfeindlichen und verhetzenden Kommentaren etwa in sozialen Netzwerken.

Öhler feierte den ökumenischen Gottesdienst gemeinsam mit dem evangelisch-lutherischen Bischof Michael Bünker und dem orthodoxen Erzdiakon Athanasius, der den orthodoxen Metropoliten Arsenios Kardamakis vertrat. Die Gemeinschaft des Geistes Gottes „überwindet Grenzen und Zäune. Sie öffnet Herz und Hand und baut Brücken von Mensch zu Mensch“, sagte Bischof Bünker im liturgischen Teil des Gottesdienstes am Pfingstsonntag. Im KZ habe „ ein anderer Geist geherrscht, ein Ungeist der Unmenschlichkeit und Gewalt. Wir spüren seine Spuren an diesem Ort und wissen, was er an unsäglichem Leid in tausenden Menschenleben angerichtet hat“, so der Bischof.

Erzdiakon Athanasius erinnerte in seiner Ansprache an die zahlreichen Märtyrer, die unter den Nationalsozialisten in KZs deportiert und umgebracht wurden. „Dieses unsägliche Leid ist für uns heute unvorstellbar, ebenso wie die systematische Grausamkeit und Kaltblütigkeit des Lagerpersonals uns völlig unverständlich ist. Wir lesen die Berichte über dieses Leid und diese Grausamkeit und wissen nicht, was wir dazu sagen sollen.“
Die Erinnerung an die zahlreichen Zeugen des Glaubens, die ihren Glauben oftmals mit dem Tod bezahlt haben, könne heute dazu ermutigen, „unsere Überzeugungen auch in unserem komfortablen Alltag hochzuhalten und uns nicht von kleinen Problemen oder Unannehmlichkeiten abschrecken zu lassen, die die Nachfolge Christi in unserer Zeit manchmal mit sich bringt“, so der Erzdiakon.

Im Anschluss an den Gottesdienst folgte die große gemeinsame Befreiungsfeier am Appellplatz. Anschließend fanden Kundgebungen bei den nationalen Denkmälern und die Internationale Jugendkundgebung statt.

Seit 2006 widmen sich die Gedenk- und Befreiungsfeiern jedes Jahr einem speziellen Thema, das in Beziehung zur Geschichte des KZ Mauthausen bzw. zur NS-Vergangenheit Österreichs steht. Die diesjährige Veranstaltung stand unter dem Thema „Internationale Solidarität“ mit deutlichen aktuellen Bezügen. Der Mangel an internationaler Solidarität werde nämlich gegenwärtig immer deutlicher, so das organisierende Mauthausen Komitee in einer Aussendung.

Das Konzentrationslager galt laut Mauthausen Komitee als das am meisten gefürchtete Lager im gesamten KZ-System, da es für viele Häftlinge die Ankunft in einem Todeslager bedeutete. Es befand sich rund 20 Kilometer östlich von Linz und bestand vom 8. August 1938 bis zu seiner Auflösung nach der Befreiung seiner Insassen durch US-amerikanische Truppen am 5. Mai 1945. Im KZ Mauthausen und seinen Nebenlagern sind rund 100.000 Menschen ums Leben gekommen. Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers befindet sich seit 1947 eine Gedenkstätte.

ISSN 2222-2464