Mauthausen-Gedenken: Erinnerung an weibliche NS-Opfer

Pfarrerin Ingrid Bachler: Kirchen als Mund der Stummen – Generalsekretärin des Entschädigungsfonds thematisierte das Leiden von Millionen Frauen

Linz (epd Ö) – Die Erinnerung an die weiblichen Opfer des Nationalsozialismus stand am Sonntag, 7. Mai, im Mittelpunkt der diesjährigen Gedenkfeier im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen. Die Generalsekretärin des Entschädigungsfonds, Hannah Lessing, betonte in ihrer Rede die Bedeutung der Frauen als Gefangene – in Mauthausen habe es etwa 8.500 weibliche Häftlinge gegeben –, aber auch als Widerstandskämpferinnen. Dass Kirchen als „Mund der Stummen“ auch heute Strukturen der Unterdrückung erkennen und ansprechen müssen, betonte die Welser Pfarrerin Ingrid Bachler im ökumenischen Gottesdienst zum Auftakt der Gedenkfeiern am Sonntag, 7. Mai. Rund 12.000 Menschen nahmen an der Veranstaltung in der Gedenkstätte teil.

„Ich möchte heute an das Schicksal der Frauen, die verschwunden sind, Frauen die ermordet worden sind, erinnern“, sagte Lessing, deren Großmutter in Auschwitz vergast wurde. Die Leiden Millionen weiblicher Opfer seien lange Zeit nicht angemessen thematisiert und die Rolle von Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus jahrelang unterbewertet worden. In den meisten Gedenkstätten sei für das Gedenken an viele Frauen kein Platz gewesen. Auch heute noch sei dies ein schwieriges und sehr häufig verschwiegenes Thema, so Lessing. Der Umgang mit Frauen im Nationalsozialismus und auch in der Zeit danach sei symptomatisch für den Umgang mit der weiblichen Geschichte. „Die Kriege gehören den Männern, also auch die Kriegserinnerungen“, zitierte Lessing aus den Erfahrungen der Zeitzeugin und Schriftstellerin Ruth Klüger. Die Generalsekretärin erinnerte an die Qualen, die Frauen in der NS-Zeit erleiden mussten, wie Zwangssterilisation oder Prostitution im KZ. Viele Widerstandskämpferinnen seien nur vereinzelt und erst sehr spät in den Genuss von Ehrungen oder Entschädigungen gekommen.

Gott ist Erinnerung

„Gedächtnis haben zu wollen gehört zur Würde des Menschen, auch zu der eines Volkes“, sagte Pfarrerin Bachler. Die Geschichte der 8.500 Mädchen und Frauen in Mauthausen sei weitgehend in Vergessenheit geraten. Und die wenigen überlebenden Frauen seien nach ihrer Heimkehr „mit ihrer Geschichte zu Hause allein gelassen“ worden. Wer sich nicht erinnere, sei gezwungen, das, was er verdrängt, noch einmal zu erleben, so die Welser Pfarrerin, die das Sölle-Wort „Gott ist Erinnerung“ zitierte. Dem Gewissen zu folgen bedeute „nicht zu schweigen, wo Ungerechtigkeit und bewusste Unterdrückung geschehen. Wo z.B. ein Badeverbot für muslimische Frauen ausgesprochen wird und als Sonderrechte für eine Gruppe beanstandet oder mangelnde Hygiene den Betreffenden unterstellt wird.“

Der Kärntner römisch-katholische Diözesanbischof Alois Schwarz, der den ökumenischen Gottesdienst gemeinsam mit der evangelischen Pfarrerin Ingrid Bachler und dem russisch-orthodoxen Archimandriten Georgij (Wostrel) feierte, warnte davor, die Geschichte zu vergessen. Im KZ Mauthausen seien unverwechselbare Namen und Gesichter von Menschen zu Nummern degradiert und verfügbar gemacht worden. „Wir haben kein Recht, die Toten als Besitz der Lebenden für gegenwärtige Machtkämpfe zu missbrauchen“, so der Kärntner Bischof, der mit 50 Jugendlichen nach Mauthausen gekommen war. Die Gedächtnisfeier sei vielmehr eine Aufforderung auch an die Jugend, um sich „im Gedächtnis der Opfer eine differenzierte Sicht des Lebens anzueignen“.

An der Gedenkfeier nahmen zahlreiche Überlebende und internationale Delegationen teil. Hochrangige Vertreter der Kirchen und Politiker – an ihrer Spitze Bundespräsident Heinz Fischer – wohnten der Veranstaltung bei. Die Nationalsozialisten hielten im KZ Mauthausen und seinen Nebenlagern rund 200.000 Menschen aus der ganzen Welt unter schlimmsten Bedingungen gefangen. Etwa die Hälfte von ihnen überlebte diese Vernichtungsmaschinerie nicht. Neben tausenden Frauen befanden sich im März 1945 in Mauthausen 15.000 namentlich registrierte Kinder und Jugendliche.

ISSN 2222-2464