Margot Käßmann: Zäune sind furchtbares Symbol

Mehr Solidarität von den osteuropäischen EU-Mitgliedern in der Flüchtlingsfrage forderte Margot Käßmann vor Journalisten in Wien. Foto: epd/Uschmann
Mehr Solidarität von den osteuropäischen EU-Mitgliedern in der Flüchtlingsfrage forderte Margot Käßmann vor Journalisten in Wien. Foto: epd/Uschmann

Kirchen leisten wichtigen Beitrag zur Integration – Kritik an Ländern Osteuropas und PEGIDA

Wien (epdÖ) – „Dass nun wieder Zäune errichtet werden in Europa, ist für mich ein furchtbares Symbol“, sagt Margot Käßmann angesichts der Flüchtlingsbewegungen nach Europa. Von den Ländern Osteuropas, die der EU angehören, fordert Käßmann im Gespräch mit Journalisten in Wien mehr Solidarität. Die Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland für das Reformationsjubiläum 2017 besuchte in den letzten Tagen Österreich und absolvierte ein dichtes Besuchsprogramm.

„Ich bin nach 1945 aufgewachsen und habe erlebt, wie Europa immer mehr zusammenwächst“, erzählt Käßmann. Sie selbst könne sich noch an die Zeit erinnern, als man für den Grenzübertritt nach Dänemark einen Reisepass benötigte. Heute schätzt Käßmann an der Europäischen Union unter anderem, dass man ohne Grenzkontrollen in andere Länder reisen kann. „Ohne Pass reisen zu können, aber auch die Einführung des Euros, das hat eine Symbolik.“ Insofern habe sich Käßmann auch sehr gefreut, als zehn osteuropäische Länder 2004 in die Europäische Union aufgenommen wurden. „Das möglich zu machen, hat uns damals Milliarden gekostet. Deshalb können wir jetzt auch erwarten, dass sich die Länder Osteuropas solidarisch zeigen, wenn es Belastungen gibt.“

Bei der Frage des Umgangs mit Flüchtlingen seien aber auch die Kirchen gefragt. Diese würden nicht nur Unterstützung im sozialen Bereich anbieten. „Die Kirchen leisten auch einen Beitrag zur Integration, indem sie etwa Deutschkurse anbieten. Speziell für Menschen, die von Rechts wegen noch keinen Anspruch darauf haben.“ Darüber hinaus seien Kirchen auch Begegnungsorte, wo Menschen auf der Flucht und die Bevölkerung einander kennenlernen könnten. Alle, nicht allein die Kirchen, seien jedenfalls aufgefordert, Barmherzigkeit zu zeigen. „Barmherzigkeit ist ein zentraler Begriff der europäischen Kulturgeschichte. Und ich beharre darauf, dass das Christentum eine Kultur der Barmherzigkeit hervorbringt. Das kritisiere ich ja auch an Bewegungen wie PEGIDA, die sich christlich nennt, wo Barmherzigkeit aber keine Rolle spielt.“

Handlungsbedarf sieht Käßmann beim Dialog mit dem Islam. „Wir haben wenig Erfahrung im Dialog mit dem Islam, da brauchen wir eine neue Basis“, so die Reformationsbotschafterin. Zudem liege die Vertiefung des Dialogs ja auch im staatlichen Interesse. Angesichts der zunehmenden Terrorgefahr einerseits und der zunehmenden Islamfeindlichkeit andererseits müsse auch dem Staat daran gelegen sein, den Austausch mit den muslimischen Bürgerinnen und Bürgern zu intensivieren. Damit eng verbunden sieht die frühere Bischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland auch das Thema Bildung. Hier brauche es dringend eine Schulreform, in der Bildungsgerechtigkeit und Bildungsteilhabe eine zentrale Rolle spielen.

ISSN 2222-2464