Lutheraner versöhnen sich mit Mennoniten

Bitte um Vergebung bei der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Stuttgart

Stuttgart (epd Ö) – Historische Versöhnung: Für die jahrhundertelange Verfolgung der Mennoniten haben sich die lutherischen Kirchen am Donnerstag, 22. Juli, offiziell entschuldigt. Bei der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Stuttgart baten die Vertreter von weltweit 70 Millionen evangelischen Christen um Vergebung für die grausame und blutige Verfolgung der Mennoniten vor allem im 16. Jahrhundert. Für die Mennonitische Weltkonferenz nahm Präsident Danisa Ndlovu aus Simbabwe das Schuldeingeständnis in einem gemeinsamen Bußgottesdienst an.

 

Die kleine Freikirche der Mennoniten ist der Hauptzweig der Nachfahren der christlichen Täuferbewegung. Lutherische Christen empfänden „tiefes Bedauern und Schmerz über die Verfolgung der Täufer durch lutherische Obrigkeiten und besonders darüber, dass lutherische Reformatoren diese Verfolgung theologisch unterstützt haben“, heißt es in einer am Donnerstag in Stuttgart auf der 11. LWB-Vollversammlung einstimmig verabschiedeten Erklärung. Ökumene-Experten haben den Beschluss bereits als kirchenhistorisch bedeutsames Ereignis eingestuft.

 

Die weltweite lutherische Konfessionsfamilie äußerte zugleich ihr Bedauern darüber, dass diese Verfolgungen in den folgenden Jahrhunderten vergessen und ignoriert wurden. Sie werfen sich zudem selbst vor, dass lutherische Autoren bis heute unzutreffende, irreführende und verletzende Darstellungen über die Täufer und Mennoniten in wissenschaftlicher oder nichtwissenschaftlicher Form verbreitet hätten.

 

LWB-Präsident Mark Hanson (USA) sprach von einem „beispiellosen Schritt der Wiedergutmachung“. Die Verfolgung sei auch mit Hilfe theologischer Argumente der Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon gerechtfertigt worden, so der LWB. Dabei war es auch zu Hinrichtungen gekommen. Die Erinnerung an diese Taten sei auch heute noch sehr lebendig. „Wir bitten Gott, dass er unseren Gemeinschaften Heilung der Erinnerungen und Versöhnung schenken möge“, heißt es in der Erklärung weiter.

 

Weltweit hat die Freikirche der Mennoniten nach eigenen Angaben heute mehr als eine Million Mitglieder, viele leben in den USA und Kanada. In Europa gibt es rund 62.000 mennonitische Christen, in Deutschland mehr als 30.000. Die Mennoniten erinnern mit ihrem Namen an den niederländisch-friesischen Theologen Menno Simons (um 1496-1561). Der LWB repräsentiert rund 70 Millionen Christen.

 

Die Vergebungsbitte ist Ergebnis einer internationalen lutherisch-mennonitischen Studienkommission, die von 2005 bis 2008 arbeitete. Die Lutheraner wollen damit nicht nur vergangenes Unrecht bekennen, sondern auch bis heute verbreitete „unangemessene, irreführende und negative Darstellungen“ der Täufer zurechtrücken.

 

Der LWB-Rat hatte bereits im Oktober 2009 einstimmig die Bitte um Vergebung angenommen. Auch wenn weiterhin bedeutende theologische Unterschiede bestünden, könnten diese nun in einem neuen Klima untersucht werden, hieß es. Beispiele sind unter anderem das Taufverständnis und das Verhältnis von Christen und Kirche zum Staat.

 

Beide Kirchen wollen in Zukunft zudem bekräftigen, dass der „Gebrauch der Staatsgewalt zum Ausschließen oder Aufzwingen bestimmter religiöser Überzeugungen zu verwerfen ist“. Lutheraner und Mennoniten wollen sich zudem dafür einsetzen, dass Religions- und Gewissensfreiheit in den politischen Ordnungen und in den Gesellschaften gewahrt und aufrechterhalten werden.

ISSN 2222-2464