Linz: Ökumenischer Theologischer Tag über die öffentliche Rolle der Kirchen

Bünker: Religionsunterricht als wesentlicher Bereich öffentlicher Verantwortung – Schlagnitweit: Kirchen als soziales Gewissen

Linz (epd Ö) – Kirchen sind „nicht berechtigt, a u c h noch etwas öffentlich zu sagen, sondern geradezu verpflichtet“, erklärte der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker beim Ökumenischen Theologischen Tag am Donnerstag, 14. Mai, in Linz. Die ökumenische Veranstaltung, die heuer bereits zum 29. Mal stattfand, beschäftigte sich mit der öffentlichen Rolle von Religion und Kirche. Nach ihrem eigenen Verständnis sei die evangelische Kirche aus dem Evangelium heraus zur Öffentlichkeitswirksamkeit beauftragt, so Bünker weiter. Unvereinbar mit öffentlicher Stellungnahme von Kirchen seien jedoch „Rechthaberei, Bevormundung und Fanatismus“, vielmehr bringe sich die Kirche ein „in Respekt vor der Mündigkeit und Weltlichkeit der Welt“.

Öffentliche Verantwortung nehme die evangelische Kirche vor allem im Bereich der Bildung wahr, einem „wesentlichen Mittel zur gelingenden Integration und Bekämpfung der Armut“. In diesem Zusammenhang unterstrich der Bischof die Bedeutung des Religionsunterrichts, der von den Kirchen im öffentlichen Bereich der Schulen durchgeführt werde. Ziel sei es, eine „gesprächsfähige Identität, die auf Verständigung ausgelegt ist“, zu vermitteln. Daher dürfe der Religionsunterricht nicht auf reine Religionskunde beschränkt werden. Das bewährte Modell des Religionsunterrichts hält Bünker für „am besten geeignet, um fähig zu werden, mit unterschiedlichen Wahrheitsansprüchen zu leben“.

„Kirche schaut hin und tut etwas“

Ein wesentliches Feld, in dem Kirche sich in die Öffentlichkeit einbringe, sei die Diakonie, so der Bischof weiter, denn: „Kirche schaut hin und tut etwas.“ Geprägt sei das diakonische Engagement von seiner Ausrichtung am christlichen Menschenbild und an der „unverrückbaren Menschenwürde“. Lücken im sozialen System ortet Bünker vor allem beim Angebot der Kindergärten und der frühkindlichen Begleitung sowie bei der Pflege im Alter. „Das Lebensrisiko Pflege dem Privaten zu überlassen, ist nicht zukunftsfähig“, betonte der Bischof und forderte verstärkte Investitionen in den sozialen Bereich, „ein Gebot der Stunde“. Abgesehen vom hohen Bedarf könnten dadurch zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen werden. Nicht zu unterschätzen seien auch die positiven wirtschaftlichen Effekte, die sich durch derartige Investitionen ergeben.

Grundsätzlich komme den Kirchen der Auftrag zu, der „Wertorientierung“ zu dienen und dabei „jenen Gehör zu verschaffen, die am Rand stehen“. Es sei nicht Aufgabe der Kirchen, Politik im Sinne politischer Parteien zu machen, vielmehr bemühten sich Kirchen, Voraussetzungen für eine Politik zu schaffen, „die sich an den Maßstäben der Solidarität und der Gerechtigkeit orientiert“.

Plattform für ökumenische Erfahrungen

Die Rolle der Kirchen als soziales Gewissen der Gesellschaft sieht der Direktor der Katholischen Sozialakademie Österreichs (KSÖ), Markus Schlagnitweit, durchaus ambivalent. Dabei dürfe nicht ausgeblendet werden, dass Kirche etwa auch als Arbeitgeber und Wirtschaftssubjekt auftrete. Schlagnitweit verglich die Rolle der Kirchen als soziales Gewissen mit dem biblischen Bild, „Salz der Erde“ zu sein. Das bedeute auch, „manchen die Suppe zu versalzen, damit sie anderen wieder schmecken kann“. Eine „neutrale Kirche, die es allen recht machen will“, habe keine Daseinsberechtigung. Ebenso verwehrte sich der Theologe gegen jeden Versuch nach dem Motto „Wir haben die Wahrheit“; Salz sei eben „immer nur Gewürz, nie Hauptspeise“. Die Frage nach dem sozialen Gewissen sei immer verbunden mit der Frage nach der eigenen Glaubwürdigkeit: „Wie halten wir’s im eigenen Bereich?“

Dass sich die gemeinsamen sozialen Anliegen „hervorragend“ als Plattform für die ökumenische Bewegung eignen, illustrierten Schlagnitweit und der frühere Linzer Diözesanbischof Maximilian Aichern am Beispiel des Ökumenischen Sozialwortes. Für den Vorsitzenden des Forums christlicher Kirchen in Oberösterreich, Markus Fellinger, ist die ökumenische Bewegung elementar für die soziale Relevanz der Kirchen. Ähnlich auch Bünker: „Mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen, erhöht das Gehörtwerden von allen.“ Dabei sollten Kirchen „ohne Dominanz, aber mit Kompetenz im Interesse jener sprechen, die keine Stimme bekommen“.

Die öffentliche Rolle der Kirchen im letzten Jahrhundert analysierte beim Studientag der Linzer Kirchenhistoriker Rudolf Zinnhobler, über die katholische Perspektive der Dimension Öffentlichkeit sprach der Fundamentaltheologe Hanjo Sauer von der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz. Zum Studientag eingeladen hatten Superintendent Gerold Lehner und Diözesanbischof Ludwig Schwarz sowie das Forum der christlichen Kirchen in Oberösterreich.

ISSN 2222-2464