Leben in Würde: Diakonie-Dialoge zur Herausforderung Demenz

Demenz stellt massiv das Menschenbild und die Werte unserer Leistungsgesellschaft in Frage, sagte der Theologe und Medizinethiker Ulrich Körtner bei den Diakonie-Dialogen in der Voest-Stahlwelt in Linz. Foto: epd/Dasek
Demenz stellt massiv das Menschenbild und die Werte unserer Leistungsgesellschaft in Frage, sagte der Theologe und Medizinethiker Ulrich Körtner bei den Diakonie-Dialogen in der Voest-Stahlwelt in Linz. Foto: epd/Dasek

Körtner: Exklusion und Inklusion beginnt in unseren Köpfen

Linz (epdÖ) – Altern und Demenz dürfen niemals als Belastung gesehen werden. Vielmehr brauche es eine Enttabuisierung des Themas und die Sensibilisierung der Gesellschaft für die Anliegen der Betroffenen und ihrer Angehörigen. Das erklärte die Rektorin des Diakoniewerkes, Christa Schrauf, bei den „Diakonie-Dialogen“ am Donnerstag, 25. Juni, in der Voest-Stahlwelt in Linz. Die heuer ausverkaufte Fortbildungsveranstaltung widmete sich der Frage, wie sich ein Leben mit Demenz gemeinsam gestalten lässt. Auch mit Demenz behielten die Betroffenen ihre Würde, ihnen sollte als Subjekt und nicht als Objekt begegnet werden, forderte Schrauf vor den über 500 BesucherInnen. Das Diakoniewerk trete für eine inklusive Gesellschaft ein, „damit Menschen mit Demenz mit uns in unserer Mitte gut leben können“, so die Rektorin.

Demenz stelle massiv das Menschenbild und die Werte unserer Leistungsgesellschaft in Frage, zeigte der Theologe und Medizinethiker Ulrich Körtner auf. Wer an Demenz erkranke, falle aus der Leistungs- und Wissensgesellschaft heraus, erscheine „nicht nur wert-, sondern auch würdelos“. Das geringe Ansehen von Menschen mit Demenz werde auch im schlechten Image der Altenpflege ersichtlich: „Soll es zu einem Umdenken gegenüber einem Leben mit Demenz kommen, dann muss auch die Profession der Pflege neu bewertet werden.“ Der Verlust des Intellekts und des persönlichen Erinnerungsvermögens bedeute nicht den Verlust der Identität. Zudem gehöre die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit und mit Verlusten, wie sie eine Demenzerkrankung drastisch vor Augen führe, zu einem sinnerfüllten Leben.

Stark beeinflusst werde die öffentliche Meinung zum Thema Demenz von Bildern in Kino und Fernsehen. Körtner erwähnte dazu preisgekrönte Filme wie „Die Auslöschung“ mit Klaus Maria Brandauer und Martina Gedeck, die Romanverfilmung „Still Alice“ mit Julianne Moore oder Michael Hanekes „Amour“. Entscheidend sei, „ob hier Geschichten des Grauens oder der Zuversicht“ erzählt werden, ob ein „düsterer Tunnelblick“ und Tötung aus Liebe als einziger Ausweg bleibe oder ob es Gegenbilder gebe, „Momente des Glücks, der Erfahrung von Liebe und Lebenssinn trotz aller Belastungen“. Exklusion und Inklusion von Menschen mit Demenz beginne „in unseren Köpfen, wie wir über diese Menschen sprechen“. Damit Demenzkranke in der Mitte der Gesellschaft leben können, brauche es „mehr als guten Willen, nämlich Strategien und finanzielle Mittel“. Körtner warnte in diesem Zusammenhang davor, Demenz nur als medizinisches Problem wahrzunehmen. Ebenso wenig dürfe Inklusion ausschließlich mit der Betreuung von Demenzkranken in der häuslichen Umgebung gleichgesetzt werden. Auch in einer Gesellschaft, die sich der Leitidee der Inklusion verpflichte, könne es für manche Betroffene besser sein, wenn es für sie einen Ort des Rückzugs gibt. Nicht alle Einrichtungen der Pflege seien jedoch auf die speziellen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz ausgelegt. Es brauche vielmehr eine „Vielfalt von Angeboten“, im Einzelfall müsse entschieden werden, welche Angebote für die Betroffenen am besten sind. Das Recht auf Inklusion dürfe dabei nicht zum Inklusionszwang werden. Wichtig sei hingegen, dass die Grenzen zu besonderen Lebensräumen von Menschen mit Demenz durchlässig bleiben, solange sich nicht Menschen selbst ab- und ausschließen wollen, betonte Körtner.

Es gibt keine Inklusion ohne Exklusion, meinte Christian Müller-Hergl, der am Dialog- und Transferzentrum Demenz an der Universität Witten/Herdecke tätig ist. Entscheidend sei jedoch die Art und Qualität von Exklusion. Es brauche vor allem professionelle Milieus, die entspannt, souverän und flexibel auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz eingehen können. Notwendig sei dafür ein neues Professionsverständnis in der Pflege, „weg von der reinen Sauberkeitskultur hin zur Rolle des Pflegenden als Verbündetem“ in der individuellen Bedürfnislage. „Not kann ich nicht wegnehmen, aber versuchen, den Menschen dabei nicht alleine zu lassen“, sagte Müller-Hergl.

Die Sozialwissenschaftlerin Karla Kämmer stellte in Linz das „Lebensweltkonzept“ vor. Jeder ältere Mensch soll eine Lebenswelt vorfinden, die ein hohes Maß an Vertrautheit und gewohnten Lebensvollzügen ermöglicht: „So viel Normalität und Eigenverantwortung wie möglich und gerade so viel Betreuung und Hilfe wie nötig.“ Dafür brauche es Flexibilität und angepasste soziale Milieus. Kämmerer: „Wir reden nicht vom medizinisch orientierten Menschen, sondern von einem auf Demenz angelegten Leben in Würde. Die diskrete Pflege und Begleitung drängt sich nicht auf, sondern spürt Bedürfnisse auf.“ Die Psychotherapeutin Sabine Oswald begleitet Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Teil ihrer Aufgabe ist dabei, immer wieder Überzeugung zu leisten, dass Betreuung Arbeit ist, diese auch Pausen braucht. Im Sinne der Selbstfürsorge der Angehörigen verlange Betreuung auch eine „Probezeit“, um persönliche Grenzen auszuloten und gegebenenfalls bewusst „Stopp“ zu sagen, so Oswald.

Seit 1994 veranstaltet das Diakoniewerk in Salzburg jährlich die Diakonie-Dialoge, eine Fachtagung für PflegemitarbeiterInnen, Führungskräfte, InteressensvertreterInnen und Angehörige. Seit 2011 finden die Diakonie-Dialoge abwechselnd in Linz und in Salzburg statt.

ISSN 2222-2464