Lange Nacht der Flucht im Albert Schweitzer Haus

Nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge macht sich in den globalen Norden auf, erklärt Migrationsexperte Lukas Gehrke. Die meisten Bewegungen fänden innerhalb Afrikas oder Asiens statt. Foto: pxhere
Nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge macht sich in den globalen Norden auf, erklärt Migrationsexperte Lukas Gehrke. Die meisten Bewegungen fänden innerhalb Afrikas oder Asiens statt. Foto: pxhere

Experte Gehrke: „Migration bewegt physisch und emotional“

Wien (epdÖ) – Flucht und Migration waren die Generalthemen der Langen Nacht der Kirchen am Freitag, 24. Mai, im Wiener Albert Schweitzer Haus. Fakten wurde dabei ebenso Raum gegeben wie persönlichen Erfahrungen, wissenschaftliche Expertise war ebenso zu hören wie literarische Verdichtung und musikalischer Ausdruck. „Migration ist ein Thema, das emotional, aber auch physisch bewegt“, sagte Lukas Gehrke, Direktor der Abteilung Policy, Research and Strategy am International Centre for Migration Policy Development (ICMPD) gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. Gehrke führte gemeinsam mit seinem Kollegen Bernhard Perchinig in Workshops an genau dieses Thema heran: „Wir versuchen, in einen Dialog mit den teilnehmenden Menschen zu treten über ein Thema, das in letzter Zeit in Europa und speziell in Österreich sehr emotional behandelt wurde und nur teilweise faktenbasiert.“

Oft wenig Wissen über Faktenlage

Oft würden Zahlen zu Flucht und Migration auf Grund verzerrter medialer oder politischer Darstellung völlig falsch eingeschätzt. Da gebe es häufig Aha-Erlebnisse: „Global sind es derzeit etwa 3,4 Prozent oder 258 Millionen Menschen, die unterwegs sind.“ Davon mache sich nur ein kleiner Teil in den globalen Norden auf, die meisten bewegten sich innerhalb Afrikas oder Asiens: „Die gefühlte Migration und die tatsächlichen Zahlen klaffen häufig stark auseinander.“ Für Überraschung sorge auch häufig der Hinweis, dass die Zahl der weltweiten Flüchtlinge – etwa 24 Millionen – seit Jahrzehnten stabil bleibe, oder dass Migranten mit rund 10 Prozent einen überdurchschnittlich hohen Anteil zum globalen Bruttosozialprodukt beisteuerten. Konstant blieben nach Gehrkes Einschätzung auch die Fluchtursachen, wenngleich der Klimawandel in Zukunft eine größere Rolle einnehmen werde – Prognosen gehen von bis zu 200 Millionen Betroffenen aus, die jedoch rechtlich nicht unter die Genfer Flüchtlingskonvention fielen.

„Zahlen erzählen nicht die ganze Geschichte“

Der alleinige Blick auf Zahlenreihen und Tabellen sei aber unzureichend, so Gehrke. Es sei zu fragen: „Okay, jetzt haben wir die Zahlen, aber erzählt das die ganze Geschichte?“ Migration hänge immer mit Hoffnungen, Träumen, Ängsten und Sorgen zusammen. „Menschen machen sich auf den Weg, aber sie kommen auch irgendwo an. Gesellschaftlich führt das zu Veränderungen.“ Das sei eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, der man nur über Dialog und Diskurs begegnen könne. Angesichts der bevorstehenden EU-Wahl am 26. Mai sieht Gehrke eine Richtungsentscheidung in der Migrations- und Flüchtlingspolitik hin zu „mehr EU oder stärker zurück auf nationalstaatliche Ebene“. Es gehe nicht um die Kommentierung tagespolitischen Geschehens, gleichwohl unterstreicht Gehrke: „Unser Zugang ist, dass man Dinge besser regeln kann, wenn man koordiniert vorgeht, da bietet die EU relativ viele Vorteile.“

Über das Entstehen von Feindbildern

Wie Feindbilder entstehen und wie man sie „entlarven oder sogar überwinden“ kann, war das Thema einer weiteren Workshopreihe an diesem Abend. Michaela Söllinger und Peter Hämmerle vom Internationalen Versöhnungsbund griffen die über Jahre geprägte Rhetorik von „Wirtschaftsflüchtlingen und Asylanten“ auf und reflektierten mit den TeilnehmerInnen zunächst persönliche Bezüge zum Thema genauso wie eigene Feind- und Freundbilder. Daran knüpften Analysen des Entstehungsprozesses von Feindbildern sowie die schrittweise Entwicklung von Handlungsstrategien zum Umgang damit an. In einem abschließenden Rollenspiel ging es darum, selbst auszuprobieren, wie Feindbilder erkannt und überwunden werden könnten.

Schreiben als Ventil für das Warten auf die Zukunft

Die Geschichte zweier Jungen, die sich durch verbotene Arbeit in ihrer Heimatstadt Kabul Geld für Kinotickets verschaffen und dabei Zeugen eines schweren Verkehrsunfalls werden erzählte der aus Afghanistan stammende Habib Khawadi im literarischen Teil des Abends: „Der Bettler lag etwa zwei Meter neben dem Auto, ausgestreckt wie ein Plattfisch. Eine Hand zuckte unter seiner Brust, die andere lag über seinem Kopf. Innerhalb weniger Sekunden sammelte sich eine Menschenmenge“, beschreibt Khawadi den Vorfall in seinem auf Englisch verfassten und in Ausschnitten vorgetragenen Roman, in dem er seine eigene Geschichte und Fluchterfahrung verarbeitet. „Habib hat das Schreiben als Ventil gefunden, um damit umgehen zu können, dass er hier verdammt ist, abzuwarten, während seine Familie in Afghanistan noch immer unter Gefahr lebt“, erzählt Hochschulseelsorger Johannes Modeß, der mit eigenen literarischen Texten auf die Lesung Khawadis antwortete, dessen Asylverfahren sich seit zwei Jahren in zweiter Instanz befindet. Diese Antwort-Texte seien hervorgerufen worden aus der Arbeit mit Menschen aus Afghanistan und dem Iran, die er in den vergangenen Jahren während seines Vikariats in Krems intensiv begleitet habe, so Modeß. Dort seien er und Khawadi einander auch erstmals begegnet. „Durch den Blickwinkel dieser jungen Menschen lerne ich unsere christliche Tradition selber noch einmal neu kennen. Das sollen die Texte zeigen.“

Eröffnet worden war der Themenabend zur Langen Nacht der Kirchen mit einer Vorstellung des neuen „Albert-Schweitzer-Haus – Forum der Zivilgesellschaft“ und einem Konzert der Roma-Musiker Robi und Vivien Lakatos sowie Karcsi Berki. Den Schlusspunkt setzte eine von der Evangelischen Hochschulgemeinde (EHG) gestaltete Andacht. Veranstaltet hatte den Abend die EHG gemeinsam mit dem Albert-Schweitzer-Haus-Forum und der evangelischen Diözese Wien.

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ISSN 2222-2464