Landessuperindentent Neumann gegen Gottesbegriff in Verfassung

„Brauchen Gott nicht auf dem Papier, sondern bei Menschen in Not“ – Amtseinführung des neuen reformierten Landessuperintendenten in Dornbirn

Dornbirn, 13. September 2004 (epd Ö) Gegen die Aufnahme des Gottesbegriffs in die Verfassung hat sich der neue reformierte Landessuperintendent Mag. Wolfram Neumann ausgesprochen. „Wir brauchen Gott nicht auf dem Papier, sondern bei den Menschen in den Slums, in Flüchtlingslagern oder bei jenen, die bei uns in die Armutsfalle geraten“, sagte Neumann in der Predigt bei seiner Amtseinführung am Sonntag, 12. September, in Dornbirn. Gemeinsam mit Oberkirchenrätin Helene Horvath und den Oberkirchenräten Pfarrer Mag. Thomas Hennefeld und DI Klaus Heussler wurde Neumann durch die Vorsitzende der Synode H.B., Fachinspektorin Evelyn Martin, in sein neues Leitungsamt eingeführt.

Jesu Doppelgebot der Liebe ist für Neumann „der Schlüssel zur Lebensgestaltung“. Eine fragende Kirche ist Neumann lieber als eine „antwortende, besserwissende“. Bescheidenheit und Vorsicht seien angebracht, wenn sich Christen im Namen Gottes äußern. Wegweiser sei die biblische Offenbarung. Lebendig mache der Geist und nicht der Buchstabe, bekräftigte Neumann.

„Mit welcher Rechtfertigung verabschiedet sich die Politik von ihrer Verantwortung für die Gesellschaft und überlässt sie der Wirtschaft und Hochfinanz?“, fragte der Landessuperintendent. Eine noch so freie Marktwirtschaft kenne keine Ethik, „sie kann sie nicht einmal buchstabieren“. Politik und Gesellschaft verhielten sich oft „zögerlich und halbherzig“ angesichts der Ungerechtigkeiten in der Welt. Der Dauereinsatz der Kirchen und anderer Organisationen, um das Elend zu mildern, könne hier nur „ein Tropfen auf den heißen Stein sein“.

Kirche habe zu oft mit Macht jongliert und mit den „Mächtigen gepackelt“. Dieser vergangenen und gegenwärtigen Gefahr muss sich die Kirche ständig bewusst sein, „sonst verdient sie kein Vertrauen“.

„Wir freuen uns, dass unsere Würdenträger ihre Würde nicht alleine tragen, sondern jeder in unserer Kirche ein geistliches Amt hat“, sagte Altlandessuperintendent HR Mag. Peter Karner, der den Gottesdienst mit Pfarrerin Mag. Sabine Neumann liturgisch mitgestaltete. Karner, der Anfang September in den Ruhestand trat, dankte Gott „für alle Menschen, deren Leben eigentlich eine Predigt ist“. Dass es in der Kirche auch darum gehe, Kirche als Organisation zu entwickeln und mit den Mitteln der Demokratie möglichst gerechte Entscheidungen zu treffen, unterstrich Synodalpräsidentin Evelyn Martin.

An der Amtseinführung haben zahlreiche Persönlichkeiten aus Politik und Ökumene teilgenommen, darunter Landeshauptmann Dr. Herbert Sausgruber, der evangelisch-lutherische Bischof Mag. Herwig Sturm und der römisch-katholische Diözesanbischof DDr. Klaus Küng. Seitens der evangelisch-lutherischen Kirchenleitung waren Superintendentin Mag. Luise Müller und OKR Hon.Prof. Dr. Michael Bünker nach Dornbirn gekommen.

Angesichts der Grenzen der „staatlich verordneten Solidarität“ sei nach der freiwilligen Solidarität zu fragen, so der Landeshauptmann in seinem Grußwort. In einer Gesellschaft, die die Autonomie des Einzelnen betone, ohne besondere Rücksichtnahme auf Schwache, stelle sich Wahrheit oft differenziert dar.

Diözesanbischof Küng bekräftigte seine Bereitschaft, „wo immer möglich“, Allianzen zu bilden. Auch wenn die Unterschiede zwischen den Konfessionen nicht so schnell zu überwinden seien, sollten Christen in „persönlicher Versöhntheit“ zum Wohle der Menschen zusammenarbeiten.

Bischof Sturm wünschte dem neuen Landessuperintendenten, dass es gelingt, das „klare und mutige Wort“ auch in Ökumene und Gesellschaft einzubringen, um sich „gegenseitig Mut zu machen und gemeinsam aus der Liebe Gottes zu leben“, so der Bischof.

Einen Brief der für Kirchen zuständigen Bundesministerin Elisabeth Gehrer verlas MinR Univ.Prof. Dr. Karl Schwarz. Darin dankt Gehrer der Evangelischen Kirche H.B. für ihr Engagement in gesellschaftspolitischen Anliegen. Dem neuen Leitungsteam wünscht die Ministerin, dass „die Stimme der reformierten Kirche wie bisher gehört werde, sei die Botschaft gelegen oder ungelegen“.

Der Dornbirner Bürgermeister, DI Wolfgang Rümmele, dankte dem Ehepaar Neumann für ihre Beiträge an die Gemeinschaft, die sie seit 22 Jahren in Dornbirn leiten. Musikalisch gestaltet wurde der Festgottesdienst von Rudolf Berchtel (Orgel) und Herbert Walser (Trompete). Den Empfang moderierte der Dornbirner Kurator Axel Wüsthoff.

ISSN 2222-2464