Kremsmünster: Lehner betont Ambivalenz der Digitalisierung

Der oberösterreichische Superintendent Gerold Lehner fragte nach der Gefährdung des Humanum durch neue Technologien. Foto: epd/Michael Windisch
Der oberösterreichische Superintendent Gerold Lehner fragte nach der Gefährdung des Humanum durch neue Technologien. Foto: epd/Michael Windisch

Ökumenische Sommerakademie sucht Gott im digitalen Raum

Kremsmünster (epdÖ) – „Wo dürfen wir uns durch Maschinen vertreten lassen und wo wäre das Verrat am Menschen, am Humanum?“  Mit dieser Frage führte der oberösterreichische evangelische Superintendent Gerold Lehner auf einen der zentralen Punkte der Ökumenischen Sommerakademie in Kremsmünster hin, die heuer unter dem Titel „Gott und die digitale Revolution“ nach theologischen, anthropologischen und ethischen Implikationen der Digitalisierung fragte. In seinem Eröffnungsreferat am Mittwoch, 11. Juli, erinnerte Lehner an die Ambivalenz des Verhältnisses von Mensch und Künstlicher Intelligenz: „An welchen Orten, in welchen Beziehungen, kann es eine Stellvertretung des Menschen durch die Maschine geben?“ Er verwies auf Beispiele aus der Pflege – vor allem hier gebe es in der Akzeptanz starke kulturelle Unterschiede zum Beispiel zwischen Europa und fernöstlichen Ländern wie Japan –, der Sexindustrie, aber auch der Seelsorge: „Wenn ein Roboter die Hand zum Segen hebt: Ist das ein Segen? Wer segnet da?“ Mit dem Bereich des Transhumanismus sah Lehner ein weiteres Gebiet, in dem es zu einer Verschiebung des Menschenbildes komme. Hier würden auch die Grenzen des Todes in Frage gestellt. „Durch genetische Manipulation und ähnliches soll anhaltende Vitalität verliehen werden, jeder solle entscheiden, wie lange er oder sie leben wolle. Diese Überlegungen mögen phantastisch anmuten, aber wir müssen sie ernst nehmen, da es hier um die Neuerschaffung des Menschen geht.“ Derartige Konzepte seien allerdings nicht nur utopisch, sondern „auch stark autoaggressiv, da sie den Menschen als den verneinen, der er ist.“

Scheuer: Braucht „Unterscheidung der Geister“

Der katholische Linzer Diözesanbischof Manfred Scheuer plädierte dafür, die Digitalisierung zunächst weder positiv noch negativ zu bewerten. Er zitierte Papst Franziskus, der gemeint habe, moderne Medien könnten dabei behilflich sein, einander näher zu sein und die Mauern, die uns trennen, zu überwinden: „,Habt keine Angst, Bürger der digitalen Welt zu sein.‘ Ein guter Ansatz“, befand Scheuer. Gleichzeitig scheine die digitale Durchdringung aller Lebensbereiche das vom Philosophen Michel Foucault aufgestellte Grundmuster der Gesellschaft als Gefängnis, in dem alles und jeder überwacht werden könne, zu realisieren. Worum es gehen müsse sei eine „Unterscheidung der Geister“:  „Welche Sehnsüchte führen uns zur Realitätsverweigerung, zur Zerstörung, welche zum Leben? Es geht auch darum, unter die Masken der Propaganda und der Rhetorik der Verführung zu schauen.“ Nicht jedes Versprechen der modernen Technologien führte auch zu einem besseren Leben. Scheuer zitierte in diesem Zusammenhang den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer: „Das Böse erscheint in der Gestalt der Wohltat.“

Thiede: Digitalismus statt Digitalisierung

Werner Thiede, evangelischer Pfarrer und Professor für Systematische Theologie in Erlangen, betonte in seinem Eröffnungsvortrag die Notwendigkeit, in der Rede von der Digitalisierung nicht nur die Technologie, sondern auch die Theologie miteinzubeziehen und die „virtuelle Welt“ hinsichtlich ihrer schöpfungstheologischen Dimension zu befragen. Er stellte zur Diskussion, ob die Kreation des virtuellen Raumes bereits  im Auftrag Gottes an die Menschen, die Schöpfung zu entwickeln und zu bewahren, impliziert sei, oder ob die Veränderungen, die durch Digitalisierungsprozesse vonstattengingen, nicht Ausdruck „der Ambivalenz allzu menschlichen, nämlich immer auch sündigen Strebens“ seien. „Wäre es nicht angebracht, bei ihr von einem digitalen Turmbau zu sprechen, oder gleicht sie einem Tanz ums goldene Kalb? Verdient sie nicht deutlichere Kritik von kirchlicher Seite?“ Indem Digitalisierung, unter anderem in sozialen Medien, narzisstische Haltungen befördere, führe sie zudem zu vermehrter Unfreiheit und einer Verminderung des Verantwortungsgefühls. Er plädierte dafür, statt von Digitalisierung von „Digitalismus“ zu sprechen, um die ideologische Dimension des technokratischen Zeitgeistes zu betonen. Auf jeden Fall habe man in der Digitalisierung mit Prophetie zu tun. Selbst im Silicon Valley wisse niemand genau, wohin die Reise gehen werde.

Landeshauptmann Thomas Stelzer sah in seinen Grußworten die Digitalisierung als größte Veränderungsbewegung der Gegenwart. Die Veränderungen müssten aber bewertet und beurteilt werden. Unveränderlich bleibe: „Es geht um die Würde des Menschen. Wir können uns die Entscheidung, was möglich sein soll, nicht aus der Hand nehmen lassen.“

Kirche 4.0

Von 11. bis 13. Juli traten in Kremsmünster ExpertInnen aus dem deutschsprachigen Raum mit der Öffentlichkeit in Austausch über theologische, anthropologische und ethische Fragen der Digitalisierung. Unter den weiteren RednerInnen waren Gerfried Stocker, der künstlerische Leiter der Ars Electronica in Linz und Ilona Nord, Professorin für Evangelische Theologie in Würzburg. In einer abschließenden Podiumsdiskussion über „Kirche 4.0“ debattierten der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej Cilerdzic, der steirische römisch-katholische Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl und der niederösterreichische evangelische Superintendent Lars Müller-Marienburg.

Die ökumenische Sommerakademie in Kremsmünster fand 2018 zum 20. Mal statt. Themen der letzten Jahre waren unter anderem die Reformation (2016) oder Religion und Gewalt (2014). Veranstaltet wurde das mehrtägige Forum vom Evangelischen Bildungswerk Oberösterreich, der Katholischen Privat-Universität Linz, der KirchenZeitung der römisch-katholischen Diözese Linz, dem Land Oberösterreich, dem Ökumenischen Rat der Kirchen, den Religionsabteilungen des ORF sowie dem Stift Kremsmünster.

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ISSN 2222-2464