Kräfte für das Ganze der Kirche

Diskussionsabend über evangelikales und liberales Christentum im Wilhelm-Dantine-Haus

Wien (epd Ö) – „Es kann die Frage sein: Brauchen wir etwas Drittes?“ Das sagte der evangelisch-lutherische Bischof Dr. Michael Bünker bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Evangelikal oder liberal – Spannungsvolles Leben unter einem Dach“ am 6. November im Evangelischen Studentenheim Wilhelm-Dantine-Haus in Wien. Vor zahlreichen Studierenden erklärte der Bischof, in der „liberalen Variante christlicher Frömmigkeit“ bestehe die Gefahr der Unkenntlichkeit und Unverbindlichkeit christlichen Lebens, auf der anderen, insbesondere der evangelikalen Seite die des „Kreuzzugs“, des „Glaubens gegen die anderen“. Für die liberale Seite bestehe im Blick auf den evangelikalen Bereich das Problem: „Wie soll man mit jemandem im Gespräch bleiben, der das Gespräch nicht braucht?“

„Zwei Grundkräfte des Christentums“ stellte auch der oberösterreichische Superintendent Dr. Gerold Lehner fest. Liberales Christentum sei stark an der Gegenwart orientiert und habe Interesse am Verbindenden. Das könne jedoch „kippen“ in Richtung Unverbindlichkeit. Dem evangelikalen Christentum gehe es „ums Konservative im besten Sinn“, um das Erhalten und Bewahren. Dies könne allerdings zu „unfruchtbarer Abschottung“ führen. Beide Denkweisen seien legitim und setzten „Kräfte für das Ganze“ frei.

„Ungefragtes Eindringen in die Intimsphäre anderer Menschen“ sei es im Bereich der Religion oder der Sexualität, kritisierte die Geschichtsstudentin Pia Olisar an evangelikaler Frömmigkeit. Olisar wandte sich auch gegen Gruppendruck und Ausschließungsdrohungen „bei vermuteter mangelnder Rechtgläubigkeit“. So gehe es nach Meinung Olisars beim jährlichen Schladminger Jugendtag, der von der evangelischen Pfarrgemeinde Schladming und der Missionsgemeinschaft der Fackelträger auf Schloss Klaus veranstaltet wird, in Ansprachen darum, die Jugendlichen „von ihrer Umgebung abzuspalten“. In diesem Zusammenhang kritisierte die Studentin auch den Jugendtags-Workshop „Wahre Liebe wartet“.

Gegen „Selbstinszenierung des eigenen Glaubens“

Als „konservativ-liberal“ bezeichnete sich der oberösterreichische Lektor und Theologiestudent Wolfgang Ernst bei der Podiumsdiskussion. Die Zeit nach einem „Bekehrungserlebnis“ auf Schloss Klaus sei für ihn „sehr bereichernd“ gewesen. Allerdings habe seine spätere Loslösung von evangelikal-pfingstlerisch-charismatischen Gruppen für ihn eine „Leidenserfahrung“ bedeutet. Ernst kritisierte jede „Selbstinszenierung des eigenen Glaubens und Ausgrenzung“ auf liberaler wie evangelikaler Seite.

Moderiert wurde der Diskussionsabend von Pfarrer Dr. Matthias Geist. Veranstalter war das Wilhelm-Dantine-Haus in Kooperation mit der Evangelischen Hochschulgemeinde Wien, dem Verein der Freunde und Freundinnen der Evangelischen Hochschulgemeinden in Österreich und der Fakultätsvertretung Evangelische Theologie.

ISSN 2222-2464