Kongress christlicher Führungskräfte in Göttweig

Bünker ermutigte die rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sich nicht zu sehr von vermeintlichen Sachzwängen in der Wirtschaft treiben zu lassen, sondern nach neuen Handlungsräumen zu suchen. Dabei sollte das eigene Gewissen Leitlinie sein. (epdÖ/T.Dasek)
Bünker ermutigte die rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sich nicht zu sehr von vermeintlichen Sachzwängen in der Wirtschaft treiben zu lassen, sondern nach neuen Handlungsräumen zu suchen. Dabei sollte das eigene Gewissen Leitlinie sein. (epdÖ/T.Dasek)

Bischof Bünker über Freiheit und Verantwortung in der Wirtschaft

St. Pölten (epdÖ) – Mitarbeiter eines Finanzdienstleistungsunternehmen müssten auch bereit sein auf, auf Geschäfte zu verzichten, wenn es für den Kunden nicht das Richtige sei, sagt der Chef der Erste Group, Andreas Treichl. In seinem Hauptvortrag beim Kongress christlicher Führungskräfte stellte Treichl, der sich selber lieber als Unternehmer und nicht als Banker sieht, die Werte Glaubwürdigkeit und Vertrauen in den Mittelpunkt. In Zeiten des Vertrauensverlustes in Institutionen sei es wichtig, dem Kunden Sicherheit zu geben. Die Kriterien, ob ein Geschäft legal und profitabel sei, würden dabei nicht ausreichen.

Auf die heranwachsende Generation kämen laut dem Erste-Vorstandsvorsitzenden schwierige Zeiten zu. Wer nicht in der Lage sei, einen Teil seines Vermögens zu riskieren, habe keine Chance, zu seinem Arbeitseinkommen noch irgendetwas dazuzuverdienen. Früher sei mit dem Begriff „Sparen“ ein Wertzuwachs verbunden worden, heute gehe es höchstens noch um eine Art „aufheben oder hinausschieben“. Gleichzeitig, und das sei eine noch viel dramatischere Entwicklung, sei es möglich, Geld auszuborgen, ohne irgendetwas dafür zu bezahlen. Eine völlig „absurde Situation“, die sich vor einiger Zeit noch niemand hätte vorstellen können, meinte Treichl. Die Aufgabe seiner Bank sehe er in erster Linie darin, Wohlstand zu verbreiten und zu sichern. Daher unterstütze die „Erste“ auch Sozialprojekte und betreibe u.a. auch die „Zweite Bank“ für Menschen, die sonst keine Chance auf ein Konto hätten.

Georg Kapsch, Präsident der Industriellenvereinigung, warnte vor einem weiteren Auseinanderdriften der Gesellschaft. Die Welt brauche ein gemeinsames Werteverständnis, basierend auf Grund- und Freiheitsrechten, unabhängig von allen ethnischen, religiösen oder kulturellen Hintergründen. Trotzdem sehe er gerade das Christentum als prädestiniert an, um zwischen den Menschen und Völkern Brücken zu schlagen, so Kapsch. Aufgabe der Wirtschaft sei es, nachhaltige Werte zu schaffen und nicht die eigene Profitmaximierung vor alles andere zu stellen.

Bischof Michael Bünker kam auf die besonders im Jahr des Reformationsjubiläums stark betonten Werte der Freiheit und Verantwortung zu sprechen. Er ermutigte die rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sich nicht zu sehr von vermeintlichen Sachzwängen in der Wirtschaft treiben zu lassen, sondern nach neuen Handlungsräumen zu suchen. Dabei sollte das eigene Gewissen Leitlinie sein. Im Blick auf Martin Luther wies Bünker auf dessen Überzeugung hin, dass Eigentum dann zum Diebstahl werde, wenn der nicht selbst benötigte Überschuss nicht den bedürftigen Nächsten zugutekomme.

„Die Kirche bekennt sich zum Unternehmertum und zum gewinnorientierten Wirtschaften. Allerdings mit der Bedingung, dass dabei die Würde der Arbeitnehmer und ein schonungsvoller Umgang mit den Ressourcen der Welt beachtet werden“, unterstich der römisch-katholische Bischof Alois Schwarz und betonte zugleich auch die Selbstverpflichtung der Kirche hinsichtlich dieser Prinzipien.

Unter dem Motto „Future Wealth. Werte – Wohlstand – Wachstum“ gingen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Frage nach, wie Wirtschaftswachstum und Gemeinwohl in Einklang zu bringen sind. Österreichs Wirtschaft werde vor allem von Klein-und Mittelbetrieben dominiert. Auf diese Realität müssen Kirchen noch viel stärker eingehen, hieß es etwa beim dreitägigen Kongress, der heuer bereits zum dritten Mal stattfand.

Magdalena Holztrattner, Direktorin der Katholischen Sozialakademie, unterstrich in ihren Ausführungen, dass die Katholische Soziallehre kein Wirtschaftsmodell darstelle. Vielmehr gehe es vor allem darum, Schwachstellen in Wirtschaftssystemen ausfindig zu machen und kritische Anfragen zu stellen: „Wie wird mit den Menschen umgegangen? Welche Ziele werden verfolgt?“ Dabei sei die Soziallehre auch nie neutral, sondern stehe immer auf der Seite der Armen und Ausgegrenzten, stellte Holztrattner klar.

Der Theologe und Philosoph Martin Rhonheimer bekräftigte einmal mehr seine Überzeugung, dass der Kapitalismus, recht verstanden und angewandt, sozial sei, Wohlstand schaffe und Armut mindere. Es brauche klare rechtliche Regelungen, aber keine weiteren politischen Regulierungen.

Clemens Sedmak, Professor für Sozialethik am King’s College London, konfrontierte die Führungskräfte mit einigen Prinzipien der Katholischen Soziallehre. Eine These, die er nicht teile: Reich sein und Christ sein passen gut zusammen, solange man nur auch ein bisschen für die Armen gibt. Dagegen Sedmak: „Ein bisschen Teilen ist zu wenig.“ Papst Johannes Paul II. habe von einer „Überentwicklung“ gesprochen, wenn der Wohlstand ein gewisses Ausmaß übersteigt. Dem gegenüberstellen wolle Sedmak, wie er sagte, den Begriff des „temperierten Wohlstands“, „wo man dann auch einmal sagt, es ist genug“. Privateigentum habe stets auch eine soziale Funktion. Der Überfluss müsse für das Gemeinwohl aufgewendet werden. Das gleiche Prinzip gelte auch für Staaten; sie hätten Verantwortung gegenüber ärmeren Ländern. Oft werde, beispielsweise in der Finanzindustrie, „Geld nur allzu leicht verdient“. Das sei sehr kritisch zu hinterfragen. Selbiges gelte für die zwar legale, aber dem Gemeinwohl sicher nicht dienliche Praxis von Unternehmen, nach Steuerschlupflöchern zu suchen.

Auf dem Programm des Kongresses standen weiters u.a. eine Paneldiskussion mit Christoph Badelt vom Institut für Wirtschaftsforschung WIFO sowie Vorständen von mehreren Banken und Konzernen. Zudem zählten auch die Theologen Matthias Beck und Ingeborg Gabriel, Diakonie-Chef Michael Chalupka, der Chefökonom der Industriellenvereinigung Christian Helmenstein, der Philosoph Harald Kathmair und Botschafterin Ursula Plassnik zur Reihe der Vortragenden und Workshop-Leiter.

Musikalischer Höhepunkt war ein Konzert der Gruppe „Shalom! Music between friends“, bestehend aus dem emeritierten Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg, dem ehemaligen Benediktiner-Abtprimas Notker Wolf, Bischof Michael Bünker und Peter Schipka, dem Generalsekretär der österreichischen Bischofskonferenz. Den liturgischen Schlusspunkt setzte schließlich Kardinal Christoph Schönborn, der gemeinsam mit Superintendent Lars Müller-Marienburg einen ökumenischen Gottesdienst in der Göttweiger Stiftskirche gestaltete.

Das „Forum christlicher Führungskräfte“ versteht sich als Vereinigung von Unternehmern und Führungskräften, die sich in ihren beruflichen Tätigkeiten und in ihrem Leben an den Werten des christlichen Glaubens ausrichten. Trägerorganisationen sind die Ordensgemeinschaften, die Katholische Aktion, die Evangelische Akademie Wien und die Industriellenvereinigung. Weitere Informationen unter: www.wertevollfuehren.at.

ISSN 2222-2464