Körtner: Zwangszölibat fördert Gefahr sexueller Übergriffe auf Kinder

Wien/Berlin (epd/epd Ö) – Solange der biblisch nicht begründbare Zwangszölibat nicht falle, werde die katholische Kirche immer nur an Symptomen „herumkurieren“, hält der in Wien lehrende evangelische Theologe Ulrich Körtner in einem Gastbeitrag für das online-Portal „evangelisch.de“ fest. „Die individuelle und strukturelle Unterdrückung der Sexualität von Priestern und Ordensleuten begünstigt schließlich nicht nur sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche, sondern auch menschliche Tragödien unter homosexuellen Geistlichen wie unter heterosexuellen, mehr oder weniger heimliche Konkubinate, bei denen Frauen und ihre Kinder, die sie gemeinsam mit Priestern haben, zu Opfern werden“, sagt Körtner.

Die evangelische Kirche habe allerdings keinen Grund, sich „aufs hohe Ross zu schwingen“. Noch immer werde die Frauenordination nicht in allen protestantischen Kirchen anerkannt. Körtner regte zudem eine Grundsatzdebatte über eine zeitgemäße evangelische Sexualethik an. Die letzte umfassende Stellungnahme der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Sexualmoral stamme aus dem Jahr 1971 und sei fast vier Jahrzehnte alt.

Dass sich die katholische Kirche nach dem Missbrauchsskandal im Berliner Canisius-Kolleg „anders als in der Vergangenheit selbst um ernsthafte Aufklärung“ bemühe, verdiene Respekt. Mit schonungsloser Aufklärung, umfassender Entschuldigung und Wiedergutmachung für die Opfer sei es jedoch „sicher nicht getan“. Die Unterdrückung der Sexualität fördere ein „System von Überwachung und Strafe, von Misstrauen und Denunziation, Verdächtigungen und Angst, von Schuld und Schuldgefühlen, Abhängigkeit und Erpressbarkeit“, analysiert der Theologe und Sozialethiker.

Die Reformation habe „aus guten biblischen Gründen“ einen anderen Weg beschritten und den Zölibat verworfen. Dennoch müsse auch die evangelische Kirche beim Thema Sexualethik vor ihrer eigenen Tür kehren, so Körtner. Nicht nur, dass erst seit einigen Jahrzehnten in den meisten protestantischen Kirchen die Frauenordination eingeführt wurde, auch die Frage nach dem Umgang mit Homosexualität etwa im Pfarr- oder Bischofsamt sei unter den protestantischen Kirchen nach wie vor umstritten.

ISSN 2222-2464