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Körtner: „Wir müssen einen evangelischen Begriff von ‚Kirche‘ wiederentdecken“

Der Wiener Theologe bezeichnet die Evangelische Kirche als „Institution der Freiheit“

Wien (epd Ö) – Zu den Fragen eines zeitgemäßen evangelischen Kirchenverständnisses angesichts des modernen Individualismus und Pluralismus hat der Wiener Systematiker Univ.-Prof. Ulrich H.J. Körtner Stellung genommen. In einem Interview in der neuesten Ausgabe der deutschen Zeitschrift „Publik-Forum“ forderte der Theologe: „Wir müssen einen  evangelischen Begriff von ‚Kirche‘ wiederentdecken.“  Es gehe um die Frage: „Verstehen wir den Glauben als eine individualistische und damit letztlich unpolitische Angelegenheit oder verstehen wir ihn biblisch – Stichwort: Volk Gottes – als eine soziale und damit im weiten Sinne politische Existenzform.“ Körtner erklärte: „Für mich schließen sich Individualismus und Zugehörigkeit zur Kirche nicht aus. Als grundlegend soziales Wesen kann ich nicht allein glauben.“ Es müsse, so der Theologe, neben der reformatorischen Botschaft der Freiheit auch eine „Institution der Freiheit“ geben. Eine Weitergabe des reformatorischen Erbes sei nicht möglich, „wenn es keine Gemeinschaft und  Institution gibt, die dafür verantwortlich ist und diesen Prozess organisiert“.

Zur Frage des Auftretens der Evangelischen Kirchen in der Öffentlichkeit sagte Körtner: „Kirchengemeinden und Synoden sollten sich um verbindliche Aussagen in religiösen und ethischen Fragen bemühen. Letztlich aber bleibt es dem Individuum aufgetragen, sich zu diesen Positionen zustimmend oder ablehnend zu verhalten. Entscheidend ist das praktisch gelebte Glaubenszeugnis.“

Medienöffentlichkeit will personalisieren

Als „grundlegendes Problem“ des Protestantismus bezeichnete Körtner die Tendenz der Medienöffentlichkeit, „protestantische Eindeutigkeit“ über Personen einzufordern. Als Beispiele nannte Körtner die zurückgetretene Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland Margot Käßmann und ihren Vorgänger Wolfgang Huber, die „auf fast alle Fragen des Lebens eine evangelische Antwort“ gehabt hätten, und fragte: „Entspricht das dem Kern des Evangelischen?“. Körtner: „Ins Hintertreffen gerät damit eine evangelische Kultur, wie sie sich durch Diskussionen und Denkschriften entwickelt hat. Diese Debattenkultur bietet Orientierung, aber keine Eindeutigkeit.“

Für eine „mitreißende Predigtkultur“

Angesprochen auf das moderne Bedürfnis nach religiös-spiritueller Erfahrung erklärte der Theologieprofessor, in der lutherisch-evangelischen Tradition hätten sinnlich-sakramentale Formen immer eine wichtige Rolle gespielt. Das zeige auch die Wiederentdeckung der Abendmahlsfrömmigkeit in den vergangenen Jahrzehnten. Gleichzeitig kritisierte Körtner die „evangelische Predigtkultur“, die „schon seit Jahren einen gewissen Niedergang erlebt und zu einem weichgespülten Christentum geführt“ habe. Es gebe einen Trend, „die sperrigen Grundfragen etwa nach der Bedeutung Jesu (Christologie) einfach auszusparen“. Der Theologe plädierte in dem Interview dafür, „dass der  Protestantismus nicht andere religiöse Traditionen zu kopieren sucht (das können die besser), sondern sich – durchaus unzeitgemäß – wieder auf seine eigenen Traditionen besinnt, zum Beispiel auf eine mitreißende und erfahrungsbezogene Predigtkultur“. Körtner betonte, zum Protestantismus gehöre „eine gewisse Portion Intellektualität“. Dabei gehe es um den „Lobpreis Gottes im Gedanken“.

ISSN 2222-2464