Körtner: „Wir brauchen eine Ethik der Freizeit“

Der modernen Leistungsgesellschaft fehlen die Konzepte für eine Ethik der Freizeit, sagt der evangelische Theologe und Sozialethiker Ulrich H.J. Körtner. Foto: pixabay/StockSnap
Der modernen Leistungsgesellschaft fehlen die Konzepte für eine Ethik der Freizeit, sagt der evangelische Theologe und Sozialethiker Ulrich H.J. Körtner. Foto: pixabay/StockSnap

Sozialethiker sprach bei Philosophicum Lech über protestantisches Arbeitsethos

Lech (epdÖ) – „Die heute gesellschaftlich übliche Freizeitgestaltung hat nur sehr bedingt etwas mit Muße zu tun. Zum einen wird die Freizeit durchaus zum Arbeiten genutzt. Zum anderen trägt das individuelle Freizeitverhalten nicht selten Züge der Arbeit.“ Das sagte der evangelische Theologe und Sozialethiker Ulrich H.J. Körtner bei einem Vortrag im Rahmen des alljährlichen „Philosophicum Lech“, das am vergangenen Sonntag, 24. September, zu Ende ging. Unter dem Leitthema „Mut zur Faulheit – Die Arbeit und ihr Schicksal“ hatten Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen fünf Tage lang über Arbeit und Muße in historischer und systematischer Perspektive referiert.

Körtner, der seinen Vortrag der Geschichte und Zukunft des protestantischen Arbeits- und Berufsethos widmete, zog zum Einstieg mit Max Weber einen Klassiker protestantischer Arbeitsethik heran. Die Weber oftmals nachgesagte Behauptung, der Kapitalismus habe sich aus dem Calvinismus herausentwickelt, wollte Körtner so nicht gelten lassen. Dennoch hätten die Reformatoren einen deutlichen Wandel im Verständnis von Arbeit herbeigeführt, der für die folgenden Jahrhunderte maßgeblich war: „Das Neue in der Reformation gegenüber dem Spätmittelalter bestand darin, Arbeit nicht länger als notwendiges Übel zu betrachten, um den eigenen Lebensunterhalt zu sichern, sondern als von Gott verordnete Berufung und somit als Gottesdienst im Alltag der Welt.“

Ihre Grundlage hatte diese Sichtweise in Martin Luthers Verständnis der Nachfolge Christi: Der Wittenberger lehnte das Mönchtum als besondere Form des christlichen Lebens ab, jeder Christ sei gleichermaßen zur Nachfolge berufen. Diese zeige sich aber nicht in mönchischer Kontemplation, sondern „die tägliche Arbeit ist eine göttliche ‚Berufung‘, eben ein Beruf“. Johannes Calvin griff Luthers Gedanken auf und entwickelte sie weiter: „Der Beruf ist für ihn nicht im modernen Sinne Ort der Selbstverwirklichung oder bloßes Mittel zum Gelderwerb und zur Sicherung des Lebensunterhalts. Mit dem Beruf sind jedem Menschen besondere Pflichten auferlegt, die ihn zur Selbstdisziplin anleiten.“

Der Soziologe Max Weber bezeichnete diese Haltung als „innerweltliche Askese“. Der theologische Gehalt dieses Ansatzes, so Körtner, habe sich im Laufe der Zeit zwar verflüchtigt, geblieben sei aber die Aufwertung und Überhöhung von Arbeit in der Moderne, sowohl im Kapitalismus als auch im Marxismus. So verstand Karl Marx Arbeit als „Selbsterzeugung des Menschen“. Das Problem dieser Deutung wurde spätestens im 20. Jahrhundert deutlich: „Die Kehrseite sowohl des bürgerlich-liberalen wie des marxistischen Arbeitsethos ist freilich, dass Arbeitslosigkeit mit Sinnlosigkeit des Daseins gleichgesetzt wird.“

Ein Problem, das bis in die Gegenwart noch keine Lösung gefunden hat. Körtner stellt fest: „Vom ‚Arbeitsversprechen‘ sind diejenigen ausgeschlossen, die keine Arbeit finden oder auf Grund von Krankheit oder Behinderung nicht arbeitsfähig sind.“ Spätere protestantische Theologen und Theologinnen haken aber wiederum bei Luther ein, um Gegenmodelle aufzubauen. Konkret erfolgt hier die Berufung auf Luthers Rechtfertigungslehre: „Die Lehre von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade und allein durch den Glauben ohne Werke des Gesetzes wird als Absage an jeden Leistungsfetischismus interpretiert.“ So ließe sich auch der Gedanke eines bedingungslosen Grundeinkommens mit einem protestantischen Arbeitsethos verbinden, meint Körtner.

Hier stehe man aber erst am Anfang: „Wer mit sich und seiner freien Zeit nichts anzufangen weiß, erfährt diese freilich nicht als Segen, sondern als Fluch.“ Körtner plädiert daher „nicht nur für eine Ethik der Arbeit, sondern auch eine solche der Freizeit, und zwar als Thema nicht nur der individuellen Lebensführung, sondern als Aufgabe einer Sozialethik, die sich nicht in Freizeitpädagogik erschöpft.“

Das von der Gemeinde Lech am Arlberg veranstaltete und vom Wiener Philosophen Konrad Paul Liessmann geleitete „Philosophicum Lech“ fand heuer zum 21. Mal statt. Rund 600 Gäste kamen zu den Vorträgen und Diskussionen. Unter den Rednern waren neben Körtner unter anderem der Münchner Soziologe Stephan Lessenich und die Philosophin Sophie Loidolt von der Universität Kassel.

Schlagworte: | |

ISSN 2222-2464