Körtner verteidigt sozialpolitische Haltung der Kirchen

„Kirchenbashing ist Fleischhackers neuer Lieblingssport“

Wien (epd Ö) – Gegen Kommentare „in zynischem und sarkastischem Ton“ des Wiener Journalisten Michael Fleischhacker zu den kirchlichen Positionen in der Budget- und Sozialpolitik hat sich der Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, Ulrich H.J. Körtner, zur Wehr gesetzt. Der Chefredakteur der Tageszeitung „Die Presse“ hatte in seinem Blatt die Zivilgesellschaft und ihre „Gutmenschen“, insbesondere Kirchen, Caritas, Diakonie und Amnesty International (AI) kritisiert, denen er, so Körtner, „die Maske der hochfahrenden Moral vom Gesicht reißen“ wolle. Diakonie-Direktor Michael Chalupka, Caritas-Direktor Michael Landau, Caritas-Präsident Franz Küberl und AI-Generalsekretär Heinz Patzelt seien laut Fleischhacker „Hassprediger im Namen der Menschenliebe“. Kardinal Christoph Schönborn und der lutherische Bischof Michael Bünker, die die geplanten Kürzungen bei der Familienförderung kritisiert hatten, wurden von Fleischhacker „als politisch unbedarfte Moralapostel dargestellt, die sich durch ‚profane Faktenorientierung‘ in ihrer verquasten Weltsicht nicht beirren lassen“.

In einem Gastkommentar in der „Presse“ vom 9. November schreibt Körtner zu den „bissigen Kommentaren“ Fleischhackers, sie „möchten wohl gern als Kritik an jener zynischen Vernunft gelesen werden, die sich hinter dem Verschweigen vermeintlich unpopulärer Wahrheiten und dem populistischen Lavieren der politischen Klasse verbirgt“. Den Vorwürfen hält Körtner entgegen: „Offenbar ist Kirchenbashing Fleischhackers neuer Lieblingssport, wobei er sich nicht zu schade ist, die Position der Kirchenvertreter zum angekündigten Sparpaket nur verstümmelt wiederzugeben.“ Der evangelische Theologe verweist auf den vollen Wortlaut der Ansprache, die Kardinal Schönborn als Sprecher der eingeladenen Religionsgemeinschaften bei der Begegnung im Bundeskanzleramt gehalten hat und die Fleischhacker offenbar „nur flüchtig zur Kenntnis genommen“ habe.

Die volle Wahrheit ist zumutbar

So habe der Kardinal davon gesprochen, dass den Bürgern die Wahrheit über die desolate Haushaltslage der Republik zumutbar sei. Die Streichung der Studiengebühren habe der Kardinal als populistische Maßnahme kritisiert, durch welche die finanzielle Misere der Universitäten wesentlich mitverursacht worden sei. Zudem habe er „die in manchen Teilen der Politik und der Bevölkerung noch immer geleugnete Tatsache ausgesprochen, dass Österreich heute ein Einwanderungsland ist“. Zu den Kürzungen bei der Familienförderung habe Schönborn in seiner Ansprache erklärt: „Es wird eingewendet, dass es in Österreich trotz der Transferzahlungen wenig Kinder gibt. Fehlt es vielleicht an der kinderfreundlichen Atmosphäre?“ Gefragt habe der Kardinal auch, ob in Österreich schon alles getan worden sei, um Familie und Beruf besser zu vereinbaren.

Der Theologieprofessor fragt in seinem Gastkommentar abschließend:  „Wer liefert in der Auseinandersetzung um die künftige Haushalts- und Sozialpolitik wohl eine substanziellere Kritik der in der Politik herrschenden zynischen Vernunft: der Chefredakteur der ‚Presse‘ oder die Vertreter der Religionsgemeinschaften?“ Den Leserinnen und Lesern der „Presse“ sei „nicht nur die Wahrheit, sondern doch wohl auch der volle Wortlaut der Kardinalsansprache zumutbar“.

ISSN 2222-2464