Körtner: „Krise der politischen Klasse“

„Ein wohlgeordnetes politisches Gemeinwesen ist auch auf die moralische Integrität derer angewiesen, welche die Politik zu ihrem Beruf machen", schreibt Ulrich Körtner in seinem Gastbeitrag für evangelisch.de
„Ein wohlgeordnetes politisches Gemeinwesen ist auch auf die moralische Integrität derer angewiesen, welche die Politik zu ihrem Beruf machen", schreibt Ulrich Körtner in seinem Gastbeitrag für evangelisch.de

Kirchen müssten politisch Verantwortliche „ins Gebet nehmen“

Wien/Frankfurt a.M. (epdÖ) – Eine „Krise der politische Klasse, wie sie die Zweite Republik noch nicht erlebt hat“, ortet der Wiener evangelische Theologe und Ethiker Ulrich Körtner angesichts der Vorfälle um die beiden FPÖ-Spitzenpolitiker Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus. In einem Gastbeitrag für das deutsche Online-Portal evangelisch.de schreibt Körtner: „Ein wohlgeordnetes politisches Gemeinwesen ist auch auf die moralische Integrität derer angewiesen, welche die Politik zu ihrem Beruf machen.“ Trotz der politischen Verantwortung jedes und jeder Einzelnen sei die repräsentative moderne Demokratie nicht ohne Politikerinnen und Politiker zu denken, „denen nicht nur auf Zeit Macht übertragen wird, sondern die Politik im Interesse der Allgemeinheit ausüben und ihr Handwerk beherrschen“. Dazu brauche es „moralisch integre Politikerinnen und Politiker und nicht etwa nur Technokraten der Macht“. Aufgabe der Politik sei es, Frieden und Sicherheit zu gewährleisten und Gerechtigkeit an die Stelle des Rechts des Stärkeren zu setzen, wie Körtner in Anspielung auf den Staatstheoretiker Thomas Hobbes schreibt.

Die auf Video dokumentierten Vorfälle auf Ibiza seien eine Bestätigung für all jene, „die immer schon der Überzeugung waren, dass Moral in der Politik nicht zu finden ist, dass alle Politiker korrupt sind und dass ihre Behauptung, dem Gemeinwohl dienen zu wollen, ein bloßes Lippenbekenntnis ist“. Darum, so Körtner, sei der demokratiepolitische Schaden so groß, den Strache und Gudenus angerichtet hätten. Die Gesinnung, die die beiden offenbart hätten, zeuge von einem „zutiefst gestörten Verhältnis zur rechtsstaatlichen, liberalen Demokratie und zur Pressefreiheit, von autoritärer Machtversessenheit und tiefer Verachtung gegenüber ihren politischen Gegnern, letztlich aber auch gegenüber ihren eigenen Wählern“.

Kirchen hätten nach Auffassung des Theologen im politischen Prozess zur Gewissensschärfung ebenso beizutragen wie zur ethischen Urteilsbildung und zur Förderung eines politischen Berufsethos – ohne freilich „in die Rolle des Moralapostels zu verfallen, der wohlfeile Moralpredigten hält“. Ihre Aufgabe sei es, für politisch Verantwortliche zu beten, beziehungsweise, so Körtner zweideutig: sie ins Gebet zu nehmen.

Den Volltext des Gastbeitrags von Ulrich Körtner finden Sie auf evangelisch.de

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ISSN 2222-2464