Körtner: Kindeswohl verstärkt berücksichtigen

Kinderwunsch kann nicht alleiniger Maßstab medizinischen Handelns sein

Wien (epd Ö) – Die Auffassung, dass „Wünsche, und sei es auch der noch so verständliche Wunsch nach eigenen Kindern, nicht zum alleinigen Maßstab medizinischen Handelns gemacht werden“ können, vertritt der Wiener Theologe und Bioethiker Ulrich H.J. Körtner in einem am 19. Februar erschienenen Artikel in der Tageszeitung „Die Presse“. Der an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien lehrende Systematiker, der zugleich Vorstand des Instituts für Ethik und Recht der Medizin der Universität ist, hält fest: „Wunschkinder, die nach dem Bilde geschaffen werden oder sich nach jenem Bilde entwickeln sollen, das sich die Eltern von ihren Kindern machen, vertragen sich nicht mit dem christlichen Verständnis von Menschsein und Liebe, aber auch nicht mit dem säkularen Verständnis von Menschenwürde.“ Gleichzeitig weist der Theologe darauf hin, dass unerfüllter Kinderwunsch in der biblischen Tradition sehr ernst genommen werde. Es werde auch deutlich, „dass die strikte Bindung von leiblicher Elternschaft an den natürlichen Geschlechtsakt zwischen den Ehepartnern, wie sie heute vor allem vom römisch-katholischen Lehramt gefordert wird, in der Bibel keinen Anhalt hat“.

Körtner plädiert in dem Artikel allerdings dafür, die Frage des Kindeswohls stärker als in der Vergangenheit in den Blick der ethischen Diskussion und die Bewertung des Einzelfalls zu rücken. An ihr finde die „reproduktive Autonomie“ potenzieller Eltern ihre Grenzen. Die Erfüllung eines Kinderwunsches könne nicht um den Preis unverhältnismäßiger gesundheitlicher Schäden des Kindes erfolgen, die von vornherein hingenommen würden.

Betroffene müssen Kinderlosigkeit deuten

Der Theologe betont, es hänge von den Betroffenen selbst ab, „wie sie die ungewollte Kinderlosigkeit erleben und deuten, ob als therapiebedürftige Krankheit, ob als eine Art von Behinderung oder Schicksal, das sie als Herausforderung begreifen, ein alternatives Lebenskonzept zu entwickeln“. Ob man ungewollter Kinderlosigkeit im jeweils konkreten Fall einen „Krankheitswert“ zuerkenne, sei, wie auch in anderen Bereichen der Medizin, „Gegenstand eines komplexen Aushandlungsprozesses zwischen Arzt und Patientin beziehungsweise Klientin“.

ISSN 2222-2464