Körtner: Ideologisch verengte Schöpfungstheologie

Der Wiener Theologe und Ethiker zu Schönborns Kampf gegen den Neodarwinismus

Wien, 31. August 2006 (epd Ö) – Als „typische Ideologie“ hat der protestantische Theologe Univ.-Prof. Dr. Ulrich Körtner die Position des Wiener Kardinals Dr. Christoph Schönborn in der Evolutionismusdebatte kritisiert. Bereits mit seinem umstrittenen Artikel vor einem Jahr in der New York Times habe sich der Kardinal zum Vorreiter einer Debatte gemacht, „die zwar wissenschaftlich unfruchtbar, religionssoziologisch und politisch freilich höchst aufschlussreich ist“, schreibt Körtner in Beiträgen für die aktuelle Ausgabe der Wochenzeitung „Die Furche“ und für den Science-Channel auf „orf.at“. Schönborns Kreuzzug gegen den „Neodarwinismus“ und eine „biologistische Ethik“ sei, so Körtner, Teil jener katholischen Restauration, die sich seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts vollzieht. Parallelen fänden sich im protestantischen Fundamentalismus Nordamerikas ebenso wie im islamischen Fundamentalismus oder in fundamentalistischen Bewegungen des heutigen Judentums.

Indem Schönborn den „Neodarwinismus“ zum eigentlichen Feind erkläre, gegen den die katholische Kirche als „Gralshüter der wahren Vernunft“ zu Felde ziehe, transformiere er den ökonomischen und politischen Diskurs in einen weltanschaulich-religiösen Konflikt. Seine Warnung vor dem „Evolutionismus“ sei selbst typisches Beispiel einer Ideologie, so der Vorstand des Instituts für Systematische Theologie der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Wien. Geschickt verbinde Schönborn Darwin’sche Evolutionstheorie, Neoliberalismus und jene „biologistisch-eugenische Ethik“, die nach Schönborn hinter all den abzulehnenden Entwicklungen der Bio- und Reproduktionsmedizin stehe. Dem stelle der Kardinal eine „sittlich verbindliche Schöpfungsordnung“ gegenüber. „Höchst problematisch“, befindet Körtner, der auch dem Institut für Ethik und Recht in der Medizin vorsteht. Bereits der evangelische Theologe Paul Tillich habe diese Idee schon vor Jahrzehnten mit Recht als „Ursprungsmythos“ kritisiert.

Mit einem biologischen Begriff der Evolution lassen sich weder Ethik noch moralische Normen begründen, hält Körtner fest. Schönborn verbreite eine „ideologisch verengte“ Schöpfungstheologie mit einer „bestimmten gesellschaftspolitischen Stoßrichtung“, die gekennzeichnet sei von einem Unbehagen an der „vermeintlich gescheiterten Moderne“.

Kürzlich hatte der Wiener Kardinal beim Europäischen Forum Alpbach seine Kritik am „Neodarwinismus“ erneuert. Dass der Papst am kommenden Wochenende in Castel Gandolfo mit seinem Schülerkreis über dieses Thema diskutieren will, könne der Ratzinger-Schüler Schönborn als weiteren Erfolg verbuchen.

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ISSN 2222-2464