Körtner: „Glauben, zweifeln, prüfen, wissen“

Foto: epd/Uschmann
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Wiener Theologe über Reformation, Theologie und Wissenschaft

Wien (epdÖ) – Das Verhältnis von Reformation und Wissenschaft beleuchtete der evangelische Theologe Ulrich H.J. Körtner (Universität Wien) in einem Essay unter dem Titel „Glauben, zweifeln, prüfen, wissen“ für die Tageszeitung „Die Presse“ (Ausgabe vom 30.12.2016). Einerseits wurden durch die Reformation in Wittenberg grundlegende Universitätsreformen eingeleitet und waren es Universitätsprofessoren, die die Reformation grundlegend vorangebracht haben. Andererseits könne man im Umkehrschluss nicht sagen, dass es ohne Reformation kein modernes Universitätswesen und keine moderne Wissenschaft gebe, so Körtner.

„Tatsächlich führte die Reformation zu bemerkenswerten lutherischen Neugründungen von Universitäten (etwa Marburg 1527). Die jüngere Forschung gelangt jedoch zu dem Ergebnis, dass die unmittelbaren Einflüsse reformatorischer Theologie – genauer gesagt: der Theologie Luthers – nicht überschätzt werden dürfen“, betont Körtner. Zwar könne man die Rolle der Universitäten für die Reformation nicht hoch genug veranschlagen. Allerdings hätten auch Ideen des vorreformatorischen Humanismus eine Rolle bei der Weiterentwicklung der Universitäten gespielt, wie dies etwa bei der Wittenberger Artistenfakultät der Fall gewesen sei. Körtner betonte darüber hinaus, dass etwa die Forschungen des Wiener Bildungswissenschaftlers Henning Schluß (Universität Wien) zeigen würden, dass die Reformation zu Beginn als „Bildungskatastrophe“ verstanden werden kann, da sie sich gegen die spätmittelalterlichen Bildungsinstitutionen richtete. „Dass Luther selbst schon Impulse für ein Bildungsverständnis gesetzt hat, die man üblicherweise erst in der Aufklärungszeit vermutet, ist bei Schluß die andere Seite der Medaille“, schreibt der Theologe.

Das Wissen der Theologie bezeichnet Körtner als „Orientierungswissen“ (nach Jürgen Mittelstraß). Orientierungswissen beantworte demnach die Frage, „was wir können sollen und wie wir leben sollen. Das Wissen des Glaubens transzendiert diese Frage nochmals, indem es nach dem Grund unseres Daseins und unserer Lebensmöglichkeiten fragt. Das theologische Orientierungswissen gibt eine Antwort auf die Frage, worauf wir im Leben und im Sterben vertrauen und hoffen dürfen.“ Ein weiteres Merkmal aller Wissenschaft sei der methodische Atheismus, so Körtner weiter. Wissenschaften beruhen auf der Annahme, dass sich die Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten ohne die Arbeitshypothese Gott erklären lassen. Dies gelte auch für die Theologie, betont der Wiener Theologe: „Der methodische Atheismus, der allerdings von einem vermeintlich wissenschaftlich begründeten weltanschaulichen Atheismus zu unterscheiden ist, gehört auch zu den Voraussetzungen der modernen Theologie, soweit sie den Anspruch erhebt, im modernen Sinne eine Wissenschaft zu sein. Auch wenn im Unterschied zur Religionswissenschaft die Annahme der Existenz Gottes oder seiner Selbstoffenbarung als Voraussetzung theologischer Erkenntnis für unaufgebbar gehalten wird, unterscheiden sich doch die wissenschaftlichen Methoden, die in den historischen, systematischen und praktischen Disziplinen der Theologie zur Anwendung gelangen, nicht von denen der übrigen Wissenschaften.“

Worin sich Theologie allerdings von allen anderen Wissenschaften unterscheide sei die soteriologische Fragestellung, also die Frage nach der Erlösungsbedürftigkeit der Welt. „Sie leitet auch zur Wissenschaftskritik an, sofern moderne Wissenschaften offen oder verborgen Heilsversprechungen machen und auf Heil als Resultat menschlicher Bemühungen zielen. Man denke nur an die Heilsversprechungen der modernen Medizin. Die kritische Funktion der Theologie gegenüber der Medizin besteht genau darin, sie von soteriologischen Ansprüchen, die zur Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung führen, zu entlasten, damit der therapeutische Imperativ nicht zum totalitären kategorischen Imperativ mutiert“, schreibt Körtner. „Theologie in reformatorischer Verantwortung hat die Aufgabe, die biblische Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders auch in die wissenschaftsethischen Diskurse der Gegenwart als Freiheitslehre einzubringen. Dass sich der Mensch vom Zwang befreit wissen darf, sich selbst und die Welt erlösen zu müssen, macht auch die Wissenschaft im tiefsten Sinne des Wortes frei“, resümiert Körtner in seinem Essay für „Die Presse“.

Der vollständige Beitrag kann im Internet nachgelesen werden.

ISSN 2222-2464