Körtner: Für eine „Kultur des Erbarmens“

Warnung vor ideologischer Vereinnahmung der Kirchen in einem „Kampf der Kulturen“

Wien, 28. November 2001 (epd Ö) Vor einer ideologischen Vereinnahmung der Kirchen in einen möglichen Kampf der Kulturen hat der Wiener Systematiker Univ.-Prof. Dr. Ulrich H.J. Körtner gewarnt. In einem Vortrag zum Thema „Kirche, Demokratie und Zivilgesellschaft – Zur politischen Ethik im modernen Pluralismus“ sagte der Theologe am 27. November in Wien, die Bejahung der Demokratie und der Menschenrechte durch die Kirche dürfe nicht zu einer Überheblichkeit z.B. gegenüber dem Islam führen. Körtner wörtlich: „Der gesellschaftliche Pluralismus und die auf den Begriff der Globalisierung gebrachten ökonomischen und politischen Umwälzungen nötigen vielmehr dazu, die Grundwerte von Menschenwürde, Demokratie, Freiheit, Gleichheit und Solidarität mit neuem Leben zu erfüllen und gegen ihren ideologischen Missbrauch zu schützen.“ Der Theologe trat für eine auch von den deutschen Kirchen geforderte „Kultur des Erbarmens“ ein, zu der Theologie und Kirchen gemeinsam ihren Beitrag zu leisten hätten.

Kirchen müssen sich mit europaweitem Rechtspopulismus auseinander setzen

In diesem Zusammenhang betonte Körtner, dass die Auseinandersetzung der Kirchen mit dem Rechtspopulismus nicht nur ein österreichisches, sondern ein gesamteuropäisches Problem sei. Der Theologe verwies auf die Einbeziehung von Rechtspopulisten und Neofaschisten in die Regierung Italiens und auf den Ausgang der Parlamentswahlen in Dänemark und erklärte: „Im gesamteuropäischen Kontext werden sich die Kirchen unter anderem mit dem verführerischen Argument der Rechtspopulisten auseinander setzen müssen, es ginge ihnen um die Verteidigung der europäischen Kultur und ihrer christlich-abendländischen Grundwerte gegen die angebliche kulturelle Überfremdung und insbesondere gegen die Islamisierung Europas.“

Zu den spezifischen Aufgaben der österreichischen Kirchen gehört, so Körtner, die selbstkritische Aufarbeitung der innerkirchlichen Geschehnisse in der Zeit der Ersten Republik, des Ständestaates und des Nationalsozialismus. Generell sei es die Funktion der Kirche, „den Staat in seinem Auftrag und die Christen in ihrer politischen Existenz zu begleiten“.

Körtners Vortrag war der letzte Beitrag im Rahmen einer Ringvorlesung über „Kirche – Demokratie – Öffentlichkeit“, die von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien veranstaltet wurde.

ISSN 2222-2464