Körtner: „Aufregendstes theologisches Buch seit langem“

In seinem Essay "Über Rechtfertigung, eine Versuchung" wagt Walser den Versuch, das Religiöse im Sinne Barths, Augustins und Luthers vor dem Vergessen zu bewahren, schreibt der Wiener Theologe Ulrich H.J. Körtner in der Wochenzeitung "Die Furche" vom 8. März 2012. (Foto: Karin Rocholl)
In seinem Essay "Über Rechtfertigung, eine Versuchung" wagt Walser den Versuch, das Religiöse im Sinne Barths, Augustins und Luthers vor dem Vergessen zu bewahren, schreibt der Wiener Theologe Ulrich H.J. Körtner in der Wochenzeitung "Die Furche" vom 8. März 2012. (Foto: Karin Rocholl)

Der Wiener Theologe über Martin Walsers Essay über Rechtfertigung

„Mit ihm können sich jene theologischen Dünnbrettbohrer nicht messen, die uns neue blühende Religionslandschaften versprechen und im Feuilleton die ‚Verbuntung‘ der Religion feiern, als erlebten wir gerade die technische Revolution vom Schwarz-Weiß- zum Farb-Fernsehen“, so der Theologe. Walsers Essay erinnere an Karl Barth und die Dialektische Theologie, jenen theologischen Aufbruch nach dem Ersten Weltkrieg, der die neuprotestantische Synthese von Christentum und moderner Kultur in Frage stellte.

Walsers Streitschrift, so Körtner, zeige deutlich, dass eine zeitgeistige Spiritualität und der neue Atheismus beinahe identisch seien. Und er mache deutlich, dass mit dem Verlust Gottes zugleich auch die Frage nach Rechtfertigung verlorengegangen sei. „Eine Gesellschaft, der die Rechtfertigungsproblematik in ihrer radikalen religiösen Dimension, wie sie allen voran bei Paulus, dann bei Augustin, Luther und Calvin durchbuchstabiert wird, abhanden gekommen ist, verfällt dem Irrtum, als genüge es zur Rechtfertigung der eigenen Person, Recht zu haben. Das Rechthaben aber gerät zur Rechthaberei.“ Insofern sei Luthers Frage nach dem gnädigen Gott auch radikaler als die Frage nach der Existenz Gottes.

Kritik übt Körtner in diesem Zusammenhang auch an der 1999 verabschiedeten „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ zwischen Lutherischem Weltbund und dem Vatikan. „Lange Zeit galt die Rechtfertigungslehre als der fundamentale Widerspruch zwischen römisch-katholischem und evangelischem Glauben. Heute gilt dieser Streit als überwunden. Doch in Wahrheit war die Gemeinsame Erklärung nur der Schwanengesang der Konsensökumene und zugleich der Beweis, wie wenig die Frage nach der Rechtfertigung die beteiligten Kirchen selbst noch umtreibt.“ Walsers Essay sei der Versuch, das Religiöse im radikalen Sinne Barths, Augustins und Luthers vor dem Vergessen zu bewahren und an eine Sprache zu erinnern, in der Rechtfertigung noch vorkomme, so der Wiener Theologe Körtner.

Martin Walsers Buch „Über Rechtfertigung, eine Versuchung. Zeugen und Zeugnisse“ ist im Rowohlt Verlag erschienen und um 15,40 Euro im Buchhandel erhältlich.

ISSN 2222-2464