„Klärungsbedürftiges Unverhältnis“ zwischen Freikirchen und Ökumene

Ökumenische Fachtagung in Wien über Freikirchen – Fleischmann-Bisten: Wechselseitiger Lernprozess

Wien (epd Ö) – Ein „klärungsbedürftiges Unverhältnis“ ortet der Leiter des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim (Deutschland), Walter Fleischmann-Bisten, zwischen etablierten Kirchen und Freikirchen. Wie Fleischmann-Bisten, der auch Generalsekretär des Evangelischen Bundes ist, am Freitag, 29. Jänner, bei einer ökumenischen Fachtagung in Wien betonte, sollten Landeskirchen und Freikirchen das Gespräch über Schriftauslegung und Bibelverständnis mit deren so genannten evangelikalen oder bibeltreuen Gruppierungen „erkennen und nutzen“. Gleichzeitig warnte der Theologe und Historiker vor dem religiösen Fundamentalismus, der aus den USA kommend einige evangelikale Ausbildungsstätten als „Einfallstor“ nutze. Durch diese „alarmierende Tendenz“ stehe letztlich das lutherische Grundprinzip „sola scriptura“ auf dem Spiel. Konkret gehe es dabei um die vom amerikanischen Fundamentalismus vertretene „völlige Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift und die damit verbundene fundamentalistische Weltanschauung des Kreationismus als neuartige Wissenschaftsdisziplin“.

Jene Freikirchen, die in der „Vereinigung evangelischer Freikirchen“ in Deutschland mitarbeiten – dazu gehören etwa die Mennoniten, der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, freikirchliche Pfingstgemeinden, die Heilsarmee oder die Herrnhuter Brüdergemeine – bezeichnete Fleischmann-Bisten „bei allen Differenzen in Einzelfragen“ als „die nächsten Konfessionsverwandten der lutherischen, reformierten und unierten Kirchen“. Alte Klüfte sollten der Vergangenheit angehören, vielmehr könnte gerade ein wechselseitiger Lernprozess wichtige Impulse vermitteln. Diese könnten dazu beitragen, das in den Landeskirchen lange „stiefmütterlich behandelte“ Thema Mission und Evangelisation, aber auch die Themen Diakonie und Weltverantwortung „als Kernaufgaben des Gemeindeaufbaus neu zu verstehen“. Andererseits müsse bei freikirchlichen wie bei evangelikalen Missionsprojekten „strikt auf die Einhaltung der Rahmenbedingungen“, wie etwa die Absage an das Abwerben von Mitgliedern, geachtet werden.

Das Verhältnis der aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangenen Landeskirchen zu den vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen Freikirchen gehöre zu den „belasteten“ Kapiteln der Kirchengeschichte. Die auf beiden Seiten gespeicherten Vorurteile hätten nur „langsam zur Veränderung des Unverhältnisses“ geführt. Fleischmann-Bisten erinnerte an die sich über 20 Jahre erstreckenden Gespräche mit den Methodisten, die zur vollen Kirchengemeinschaft geführt haben. Positiv bewertete der Konfessionskundler auch den Dialog zwischen der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) und den Baptisten in Europa. Der damit entstandene Diskussionsprozess in vielen Baptistengemeinden über das eigene Taufverständnis und den Zusammenhang von Taufe und Gemeindemitgliedschaft lasse „auf Verständigung hoffen“, wenn auch die Umsetzung der Gesprächsergebnisse vor Ort dann in den autonom agierenden Kirchengemeinden problematisch sei.

Kritisch sieht der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, Nicolae Dura, den Begriff „Freikirchen“: „Sind die etablierten Kirchen weniger frei?“, fragte der rumänisch-orthodoxe Bischofsvikar. Dura sprach sich dafür aus, „Vorurteile zu beseitigen, die Begegnung zu suchen und Konkurrenz zu vermeiden“. Ehrlicher Dialog sei nur dort möglich, wo auf das Abwerben von Mitgliedern verzichtet werde.

„Zwang hat in Fragen des Glaubens keinen Platz“, erklärte der frühere methodistische Superintendent Helmut Nausner. Vielmehr gehe es darum, gemeinsam in gegenseitigem Respekt zu lernen. „Wir brauchen Argumente und keine Zwangsmaßnahmen“, so Nausner, der auch an das „gewachsene Vertrauen“ zwischen den im ÖRKÖ verfassten Kirchen erinnerte.

Der Vorsitzende der Evangelischen Allianz, Frank Hinkelmann, stellte die Entwicklung der Freikirchen in Österreich dar. Die Mehrheit der vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Freikirchen verstehe sich als Teil der evangelikalen Bewegung. Während die Evangelische Allianz – der Dachverband evangelikaler Christen aus Freikirchen und der evangelischen Kirche – dem Dialog mit anderen Konfessionen „durchaus offen“ gegenüberstehe, werde von einem großen Teil der Freikirchen der ökumenische Dialog „eher kritisch“ gesehen.

Der Leiter des Referats für Weltanschauungsfragen der Erzdiözese Wien, Johannes Sinabell, erzählte aus seiner Beratungspraxis. Als Gefahren im Bereich der Freikirchen nannte Sinabell unter anderen etwa die „Fokussierung auf wenige, spektakuläre Charismen“ oder die „Übergewichtung der charismatischen Erfahrung vor der Theologie des Heiligen Geistes“. Kritisch äußerte sich Sinabell zum „Charisma der Heilung“, „ein Geschenk Gottes kann nicht erzwungen werden“, so der römisch-katholische Theologe. Die Botschaft, dass der Wille Gottes Gesundheit, Erfolg und Lebensglück für alle Christen zu jeder Zeit vorsehe, sei „unverantwortlich“. Ebenso unverantwortlich sei es auch, wenn etwa durch „Dämonenaustreibungen eine angemessene Behandlung verhindert“ werde. Sinabell warnte auch vor dem in manchen Freikirchen herrschenden Personenkult um die stark autoritäre Leiterfigur, die ohne Kontrolle agiere. „Die Gefahren sind da“, räumte Frank Hinkelmann ein, dafür stehe jedoch nicht „die Breite der Freikirchen“. Eingeladen hatten zu der Fachtagung die Kommission für Ökumenische Fragen der Erzdiözese Wien und das Kardinal König Haus in Kooperation mit der Stiftung Pro Oriente.

ISSN 2222-2464