„Kirchenvater und Kirchenrebell“ – 100 Jahre Wilhelm Dantine

War Wilhelm Dantine "Kirchenvater oder Kirchenrebell?" fragte die Evangelische Akademie. Heuer hätte er seinen 100. Geburtstag gefeiert.
War Wilhelm Dantine "Kirchenvater oder Kirchenrebell?" fragte die Evangelische Akademie. Heuer hätte er seinen 100. Geburtstag gefeiert.

Gedenkabend der Evangelischen Akademie im Albert Schweitzer Haus

Wien (epdÖ) – Heuer hätte Wilhelm Dantine seinen 100. Geburtstag gefeiert. War er „Kirchenvater oder Kirchenrebell?“, fragte die Evangelische Akademie im Titel eines Vortrags- und Gesprächsabends, zu dem sie im Gedenken an den großen evangelischen Theologen am Montag, 28. November, ins Albert Schweitzer Haus geladen hatte.

Dantine war beides, „Kirchenvater und Kirchenrebell“, betonte Gertraud Rief vom Vorstand der Evangelischen Akademie. Dass der wohl bedeutendste österreichische evangelische Theologe auch Wegbereiter der Leuenberger Konkordie war (heute: Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa – GEKE), hob Bischof Michael Bünker hervor. Trotz des Widerstands des damaligen Bischofs Oskar Sakrausky habe sich die Evangelische Kirche 1974 für die Gründung der Kirchengemeinschaft ausgesprochen, der heute 106 protestantische Kirchen angehören. „Wilhelm Dantine war ein maßgeblicher, ja in vielen Fragen entscheidender Mitgestalter“, führte Bünker aus. Von seiner theologischen Prägung her, durch seine lutherische Prinzipientreue und seine ökumenische Aufgeschlossenheit war Dantine „bestens geeignet, sich für das Anliegen der Leuenberger Konkordie einzusetzen“, so der heutige GEKE-Generalsekretär.

An den wichtigen Beitrag Dantines als Berater von Christian Broda in der Strafrechtsreform der 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts erinnerte der frühere Sektionschef im Justizministerium, Roland Miklau. Das Anliegen, das veraltete Strafrecht an die geänderten gesellschaftlichen Verhältnisse anzupassen, habe Broda und Dantine zusammengeführt. Die „Kompatibilität und Konvergenz der Gedanken“, die „gemeinsame Auffassung von Menschlichkeit, Freiheit und Verantwortung“ habe beide bewegt, sich zur umstrittenen Fristenlösung durchzuringen.

Evangelische Wahrheit zur Sprache bringen

Als „Vordenker in der Diasporasituation“ bezeichnete der Theologe und Jurist Harald Uhl Wilhelm Dantine. Dieser habe „ein Leben lang sehr erfolgreich“ dagegen gekämpft, dass sich die Evangelische Kirche in Österreich als „klein, schwach und bedeutungslos“ verstehe. Ebenso sei er vehement gegen die Verbindung der Diasporaexistenz mit dem Volkstumsgedanken eingetreten. Stattdessen sei es Dantine um die „Umsetzung der Rechtfertigungslehre im Leben des Einzelnen“ gegangen, er wollte die „evangelische Wahrheit unentwegt zur Sprache bringen“, was auch zu heftigen innerkirchlichen Konflikten wie etwa um das Jugendwerk und die von ihm herausgegebene Zeitschrift „Anstoß“ oder um die erste ökumenische Trauung in Berndorf geführt habe. Dantine habe sich dafür eingesetzt, dass die Evangelische Kirche „mutig, offen, froh und als glaubwürdiger Partner der Gesellschaft“ wahrgenommen werde.

Die Rolle Dantines als theologischer Lehrer von Männern und Frauen beleuchtete Oberkirchenrätin Hannelore Reiner. Besonders die Vorlesungen für Hörer aller Fakultäten hatten den Ruf Dantines weit über die Theologische Fakultät hinaus verbreitet. Die Darstellung der damals in Europa bekannt gewordenen so genannten „Schwarzen Theologie“ war „nicht nur für mich ein Eintauchen in eine völlig neue Welt“, erinnert sich Reiner. Gerade diese Vorlesung habe gezeigt, wie offen Dantine für gegenwärtige und in die Zukunft reichende Fragenstellungen war. Die längst fällige Gleichstellung der Frau im geistlichen Amt (1980) habe Dantine begrüßt, auch wenn es „nicht sein vordringliches Thema“ war. Konstitutiv für Dantine sei der Gedanke der Hoffnung gewesen, die im Zusammenhang mit Leiden erst ihre wahre Qualität und Stärke erweise. Auch in den Vorlesungen, die Dantine fast bis zu seinem Tod 1981 hielt, sei deutlich geworden, „dass sich seine theologische Existenz mit seiner Persönlichkeit zur Gänze deckt“. Reiner: „Angesichts des nahen Todes über den Tod sprechen zu können und dies mit einer inneren Fröhlichkeit und Freiheit, das bleibt mir unvergessen.“

„Keine Trennung zwischen dem Theologen und dem Menschen“

Im „Erzählcafé“ erinnerten sich ZeitzeugInnen an den großen Theologen. Für Ilse Beyer, eine der ersten Pfarrerinnen in Österreich, gehört Wilhelm Dantine zu den „wichtigsten theologischen Lehrerinnen und Lehrern“, bei dem es „keine Trennung zwischen dem Theologen und dem Menschen“ gegeben habe. Ulrike Frank-Schlamberger, erste verheiratete Pfarrerin, machte darauf aufmerksam, dass sich auch Dantines Frau Charlotte, ebenfalls Theologin, „stark für die Gleichberechtigung der Frauen“ im geistlichen Amt eingesetzt habe. Wilhelm Dantine habe deutlich gemacht, dass Theologie „nicht abstrakt stattfindet, sondern sich immer auf das konkrete Leben auswirkt“. Für Ingrid Gaisrucker, die in den 60er Jahren vor die Alternative gestellt wurde, Pfarrerin zu werden oder zu heiraten, war Dantine ein „wichtiger persönlicher Wegbegleiter in der Konfrontation mit Gegenwartsfragen“. „Tief beeinflusst“ zeigte sich auch der heutige KPH-Vizerektor Thomas Krobath, dessen Familie freundschaftlich mit der Familie Dantine verbunden war. Der Kirchenhistoriker und Kirchenrechtler Karl Schwarz wies darauf hin, dass Wilhelm Dantine sich bereits 1935 als Vikar in Wien „gegen den Zeitgeist“ kritisch mit der Evangelischen Kirche auseinandergesetzt habe.

Akademie-Direktorin Kirsten Beuth konnte zu der Gedenkveranstaltung, durch die EPD-Redakteur Stefan Janits führte, zahlreiche ZeitzeugInnen und mehrere Mitglieder der Familie Dantine begrüßen, darunter auch Wilhelm Dantines Enkelsohn Olivier, der kürzlich zum Superintendenten der Diözese Salzburg-Tirol gewählt wurde.

ISSN 2222-2464