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Kirchenhistoriker Leeb analysiert Herkunft und Ziele der „Deutschen Christen“ in Österreich

„Mitwirken an der gottgewollten Sendung des deutschen Volkes“

Wien (epd Ö) – Lediglich in 10 bis 12 evangelischen Pfarrgemeinden haben die nationalsozialistischen „Deutschen Christen“ (DC) in Österreich Fuß fassen können. Landgemeinden, insbesondere die Toleranzgemeinden, haben sich dieser Bewegung verweigert, ausgesprochene DC-Gemeinden konnten nicht gegründet werden. Dieses Fazit zog der Wiener evangelische Kirchenhistoriker Prof. DDr. Leeb in einem Vortrag über „Die Deutschen Christen in Österreich im Licht neuer Quellen“ im Rahmen der diesjährigen wissenschaftlichen Tagung der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich am 10. und 11. November in den neuen Räumen der Evangelisch-Theologischen Fakultät in der Wiener Schenkenstraße.

Bei der Tagung, die vom Religionspädagogischen Institut mit veranstaltet wurde, berichtete Leeb, nach der Wiedervereinigung Deutschlands hätten neue Quellenfunde im thüringischen Eisenach es ermöglicht, die verschiedenen theologischen Positionen der Deutschen Christen in Österreich näher zu bestimmen. Die damalige österreichische Kirchenleitung, die der Bewegung ablehnend gegenüberstand, habe insbesondere über die radikalen Anhänger auf Grund ihrer verdeckten Tätigkeit nur wenig Überblick gehabt. Leeb verwies auch darauf, dass es Deutsche Christen auch in der Römisch-katholischen Kirche gegeben habe, radikale Deutsche Christen in der Altkatholischen Kirche.

Die „nationalprotestantische Geschichtstheologie“

Als Hauptmerkmal der DC-Bewegung nannte der Referent das Ziel der Gleichschaltung der Kirchen mit dem NS-Staat. Gemeinsam wollte man an der als gottgewollt verstandenen „Sendung des deutschen Volkes“ mitwirken . Dahinter stehe die aus dem 19. Jahrhundert stammende „nationalprotestantische Geschichtstheologie“, die bei zahlreichen evangelischen Pfarrern und Gemeindegliedern „tief verwurzelt“ gewesen sei und die sich auch in Österreich rasch verbreitet habe. Von hier stamme der Begriff „Volkskirche“ ebenso wie der Gedanke der „Volksmission“. Das Christentum sollte auf eine „dem deutschen Volk gemäße Art“ vermittelt werden, was die Zurückdrängung oder gar Ausschaltung alles Jüdischen bedingte. Damit verbunden war die Betonung der Autonomie der Gemeinden sowie ein militanter Antiklerikalismus, der sich nicht nur gegen die Römisch-katholische Kirche, sondern auch gegen die eigene Kirche in ihrer traditionellen Form gerichtet habe.

Für Österreich beschrieb Leeb zwei Grundströmungen der Deutschen Christen. Während eine Gruppe die Unterscheidung von Kirche und Staat beibehielt und an Teilen des überlieferten Bekenntnisses festhielt, sollte für eine radikalere Gruppe der DC die Kirche im NS-Staat aufgehen. Diese aus der Los-von-Rom-Bewegung abzuleitende Gruppe habe sich eine solche Kirche zwar als protestantisch, insgesamt aber als überkonfessionell vorgestellt. Daher seien auch zahlreiche Pfarrer und Theologiestudenten aus der traditionellen evangelischen Amtskirche ausgetreten.

Antisemitismus: „Der Befund ist erschütternd“

Zum Antisemitismus der DC erklärte Leeb: „Der Befund ist erschütternd.“ Sehr weite Bereiche der Kirche seien von unreflektiertem Antisemitismus, der teils kulturell-sozial, teils rassistisch begründet war, erfasst worden. Mancherorts sei das Alte Testament aus dem Religionsunterricht verbannt worden. Demgegenüber habe die Kirchenleitung jedoch zu „schriftgemäßer Verkündigung“ aufgefordert.

Auch einen „neuen Gottesdienst“ haben die radikalen Deutschen Christen angestrebt. Anstelle des traditionellen Gottesdienstes forderten sie, so Leeb, eine „Gottesfeier“, in der keine „Lehre“ verkündet, sondern ein „Gotteserleben“ „immer neu empfunden“ werden sollte. In die „Gottesfeier“ eingeführt worden seien „dramatische Elemente“ wie Spiele, auch bediente man sich der modernen Medientechnik wie z.B. Filmeinspielungen.

Seit dem Jahr 1940, so Leeb, verloren die DC-Theologen in Österreich jedoch zunehmend an Einfluss. Einige von ihnen beurteilten zwei Jahre später ihre Lage als „ganz hoffnungslos“. Der Kirchenhistoriker abschließend: „Alle Deutschen Christen wurden nach 1945 von der Kirche wieder eingestellt.“

Evangelische Persönlichkeiten für und wider den Nationalsozialismus

Bei der Tagung zum Thema „Die evangelische Kirche in Österreich zur Zeit des Nationalsozialismus“ boten Mag. Günter Merz und Senior Dr. Herbert Rampler Lebensbeschreibungen der nationalsozialistisch orientierten Pfarrer Gerhard Fischer in Thening und Paul Spanuth in Leoben. Univ.-Prof. Dr. Karl Schwarz stellte „Evangelische Proponenten für den katholischen Ständestaat“ wie den Oberkirchenratspräsidenten Dr. Viktor Capesius und den aus Wallern stammenden Pfarrer Jakob Ernst Koch vor, die dem „Anschluss“ Widerstand entgegengesetzt haben. Militärsenior DDr. Karl Reinhart Trauner zeichnete ein Portrait des evangelischen österreichischen Oberstleutnants i.G. Robert Bernardis, der als Mitverschwörer des 20. Juli 1944 hingerichtet wurde.

ISSN 2222-2464