Kirchen wollen sich konstruktiv in europäischen Integrationsprozess einbringen

Podiumsdiskussion im Wiener Haus der Industrie über den Beitrag der christlichen und jüdischen Religion zu einem vereinten Europa

Wien, 12. Jänner 2006 (epd Ö) – Die anerkannten Kirchen in Europa haben eine „positive Einstellung“ zur europäischen Integration und wollen sich konstruktiv einbringen. Das bekräftigte der stellvertretende Oberkirchenrat der Evangelisch-lutherischen Kirche, Hon.-Prof. Dr. Raoul Kneucker, bei einer Podiumsdiskussion am Mittwoch, 11. Jänner, im Haus der Industrie in Wien. Die Politik sollte, so der frühere Sektionschef im Wissenschaftsministerium, das Angebot der Kirchen nützen, gerade „wenn wir im März einem eigenartigen Volksbegehren entgegengehen“.

Kneucker erinnerte an die rechtliche Fixierung und Anerkennung der religiösen Pluralität in Europa. Durch die Zusammenarbeit bei Europafragen sei in den Kirchen ein „neuer ökumenischer Geist“ gewachsen. Die Kirchen hätten erlebt, dass Zusammenarbeit trotz der Differenzen möglich sei. Zugleich hätten die Kirchen bemerkt, „dass sie nur dann Erfolg haben, wenn sie mit einer Stimme sprechen“.

Krätzl: Geistliche Wurzeln entdecken

Europa werde leider oft auf ein innenpolitisches Wahlkampfthema reduziert, das „in populistischer Weise“ aufgegriffen werde, kritisierte der Wiener Weihbischof DDr. Helmut Krätzl von der Römisch-katholischen Kirche. Er habe den Eindruck, dass „das Trennende stärker wächst als das Verbindende, dass der Vorteil der gemeinsamen Schicksalsgemeinschaft weniger gesehen wird als der momentane eigene Nachteil“. Krätzl rief dazu auf, die geistlichen Wurzeln Europas neu zu entdecken und nicht nur den „kleinsten gemeinsamen Nenner zu suchen“. In der Öffentlichkeit habe die Kirche stark an Einfluss verloren, während sie in der pluralen Gesellschaft ihre Aufgabe noch suche, analysierte der Weihbischof. Die Römisch-katholische Kirche flüchte oft in sakrale Räume. Innerkirchliche Polarisierungen und neue Irritationen in der Ökumene nannte Krätzl als weitere Problemfelder. Dem gegenüber stehen die weltweit anerkannten Friedensinitiativen der Päpste. „Es darf nie um Kirche als Ziel gehen“, warnte Krätzl, „sondern immer um Kirche als Mittel, etwa für ein besseres Zusammenleben der Menschen.“ Die Einheit in Europa könne nur wachsen, „wenn die Religionen das Bewusstsein bilden, das Politik und Wirtschaft nicht bilden können, ohne das aber ein geeintes Europa nicht möglich ist“. Gerade der großen Herausforderung der Integration könne mit christlich-jüdischem Gedankengut begegnet werden.

„Liebe deinen Nächsten, er ist wie du“ ist für Dr. Willy Weisz von der Israelitischen Kultusgemeinschaft in diesem Zusammenhang die zentrale Botschaft. Erziehungsarbeit sei notwendig, um die Angst vor dem Anderen ebenso wie den „Kantönli-Geist“ abzubauen. „Ich fühle mich als Europäer mit österreichischer Staatsbürgerschaft und stehe auch dazu“, sagte Weisz, dem viel an Multikulturalität, aber wenig an einem „Einheitsbrei“ liegt.

Ein „praktisches Modell von Einheit in Vielfalt“ sieht Bischofsvikar Dr. Nicolae Dura in den orthodoxen Kirchen. Die europäische Einigung ist daher für die Orthodoxie eine „vertraute Aufgabe“. Zu verurteilen sei jede Form des Fanatismus und der Gewaltanwendung, Ziel sei ein „friedliches Zusammenleben in gegenseitigem Respekt“. Auch der rumänisch-orthodoxe Bischofsvikar trat dafür ein, dass sich Kirchen und Religionen aktiv am Aufbau Europas beteiligen und ihre Versöhnungsarbeit einbringen. „Europa braucht einen neuen Geist, eine neue Existenzgrundlage“, sagte Dura.

ISSN 2222-2464