Kirchen veröffentlichen Sozialwort (1)

Kompass für soziales Denken und Handeln

Wien, 27. November 2003 (epd Ö) Das „Sozialwort“ haben Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) am Donnerstag, 27. November, in Wien präsentiert. Darin nehmen die 14 Kirchen gemeinsam Stellung zu den sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Die Veröffentlichung bringt einen vierjährigen Prozess zum Abschluss. Am kommenden Sonntag, dem ersten Advent, werden die Kirchen in einer ökumenischen Vesper im Stephansdom das „Sozialwort“ „der Gesellschaft übergeben“, kündigte die Vorsitzende des Ökumenischen Rates, Christine Gleixner, bei der Pressekonferenz an.

Das „Sozialwort“ verstehe sich als „Kompass für soziales Denken und Handeln“, so Gleixner. Im Mittelpunkt stehe der Mensch als Ebenbild Gottes in einer Zeit der Umbrüche. Nun gelte es, das Gesagte zu vertiefen, zu erweitern und umzusetzen.

Für den stellvertretenden ÖRKÖ-Vorsitzenden, den evangelisch-lutherischen Bischof Herwig Sturm, ist das „Sozialwort“ ein Signal von Weihnachten. „Gott wurde Mitmensch, Leidensgenosse und Zeitgenosse“, sagte Sturm. Die Kirchen sehen sich herausgefordert, „Hoffnung zu geben in einer Gesellschaft, die Orientierung sucht“, sie fungieren als „Mund und Stimme der Ausgeschiedenen“. Zudem signalisiere das „Sozialwort“ als ökumenisches Projekt für das Verhältnis der Kirchen in Österreich: „Wir können miteinander, und wir bringen etwas weiter.“ Sturm zeigte sich davon überzeugt, dass das „Sozialwort“ positive Effekte für den sozialen Zusammenhalt der österreichischen Gesellschaft haben werde. Zugleich mahnte er aber auch die im Dokument enthaltene Selbstverpflichtung der Kirchen ein. Die Aussagen des „Sozialwortes“ würden nur in Verbindung mit der Praxis der Kirchen glaubwürdig sein, so der Bischof. Deshalb hätten sich die Kirchen bei jedem Kapitel des „Sozialworts“ zu entsprechenden Initiativen verpflichtet. Sturm: „Wir reden nicht nur, sondern unser Reden ist auch durch das Engagement vieler Menschen und Gruppen gedeckt“.

Weiters plädierte der Bischof für mehr „Wahrhaftigkeit“ in der politischen Diskussion. Er erlebe in der gegenwärtigen Politik, „dass sehr viel verschleiert wird“. Sturm: „Wenn wir aus Brüssel hören müssen, dass die LKW-Zählungen der Österreicher nicht mehr ernst genommen werden, weil so oft geschwindelt wird, dann muss ich mich fragen, in welchen Bereichen wir noch ‚eingenebelt’ werden“. Gerade die Kirchen stünden daher für „Klarheit und Offenheit“. Die österreichische Gesellschaft sei durchaus fähig, Probleme zu lösen, dazu müsse man aber „reinen Wein einschenken und dann miteinander gute Wege suchen“.

Den ökumenischen Aspekt unterstrich auch der griechisch-orthodoxe Metropolit Michael Staikos. Das „Sozialwort“ habe „konfessionelle Vorhänge“ zum Fallen gebracht. Es sei „einmalig, dass alle Kirchen gleichberechtigt mit einer Stimme auftreten“. Das Sozialwort habe zudem gezeigt, dass das Fremde nichts Belastendes, sondern eine Bereicherung sei.

Der katholische Sozialbischof Maximilian Aichern sprach sich für eine „faire Austragung von Konflikten“ und die Stärkung des sozialen Zusammenhaltes aus. „Dieser Zusammenhalt ist gefährdet, wo Menschen ausgegrenzt werden durch eine abwertende Sprache, wo Schwächere nicht zu ihrem Recht kommen, wo wirtschaftlicher Erfolg keine Rücksicht nimmt auf die Umwelt und die Rechte der Jugend und zukünftiger Generationen“, so der Linzer Diözesanbischof.

Wie Diakonie-Direktor Michael Chalupka bei der Pressekonferenz meinte, wollen die Kirchen „weder den bestehenden Sozialstaat heiligen“, noch „zu den Fanfaren des Reformismus noch einen Choral der Kirchen“ singen. Vielmehr gehe es darum, im sozialen Zusammenhalt die Stärken zu optimieren und Fehlentwicklungen zu korrigieren. „Nächstenliebe und Solidarität können nicht gegeneinander ausgespielt werden“, sagte Chalupka. Gefragt seien „soziale Grundrechte, nicht Almosen“.

Das „Sozialwort“ ziele auf eine Neuorientierung der sozialen Praxis der Kirchen, erklärte der Leiter der Katholischen Sozialakademie, Alois Riedlsperger. Kennzeichnend sei die Verbindung zwischen Text und Initiative. „Wir wollen einen konkreten Beitrag zur Erneuerung der Gesellschaft leisten“, so Riedlsperger, der auch das Projekt koordiniert hatte. In einem Jahr soll dann Zwischenbilanz gezogen werden.

(Service: Sozialwort des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, 136 S., EUR 9,80; erhältlich u.a. bei BMK-Wartburg, T.: 01-405 93 71)

www.sozialwort.at

ISSN 2222-2464