Kirchen in Prag und Wien für Aussöhnung

Gemeinsame Erklärung der Ökumenischen Räte der Kirchen: Schuld auf beiden Seiten – „Begegnungen wichtiger als Papier“

St. Pölten, 21. Oktober 2002 (epd Ö) Die Versöhnung zwischen Tschechien und Österreich war das zentrale Thema bei der Begegnung des tschechischen Ökumenischen Rates mit jenem Österreichs. Am 14. und 15. Oktober trafen einander die Vertreter beider Institutionen in Prag. Das Ergebnis sei eine gemeinsame Erklärung, die die Wurzel der Verletzungen beider Völker wahrnimmt, Schuld auf beiden Seiten eingesteht und einen versöhnlichen Ausweg sucht, erklärte Christine Gleixner, die Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, am Donnerstagabend vor Journalisten in Wien.

Das schmerzlichste Problem zwischen beiden Völkern sei heute das Schicksal der tschechischen Bevölkerung unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und die Vertreibung der deutschsprachigen Bewohner als Folge davon, berichtete Gleixner. „Wir haben einander keine Schwarzweiß-Folien überreicht. Wir haben erkannt, dass diese Ereignisse tiefe Wunden und bleibende Verluste für beide Völker bis heute bedeuten“, so die Vorsitzende. Bis heute, und das würde von beiden Seiten zutiefst bedauert, sei die Geschichte die „Quelle von Hass, Angst und Unversöhntheit“.

Nur ein Erkennen und Benennen der jeweiligen Schuld könne die Kette der Schuldverflochtenheit lösen und einen Weg zur Versöhnung öffnen, ist die Vorsitzende des Ökumenischen Rates überzeugt. Und weiter: „Wir sind gerade angesichts des bevorstehenden EU-Beitritts Tschechiens für diese Begegnung dankbar und erleben uns als Bürgerinnen und Bürger des gemeinsamen Europas.“

In Zeiten zahlreicher Konflikte sei es Aufgabe der Kirchen, den Dienst der Versöhnung auch für Völker und Kulturen wahrzunehmen. Die gemeinsame Geschichte solle nicht mehr weiter populistisch interpretiert, sondern gemeinsam geschrieben werden, sachgemäße Informationen sollten einer Vergiftung des Klimas widerstehen, und schließlich müsse Angst abgebaut und Vertrauen in eine gemeinsame Zukunft aufgebaut werden.

Sturm: Kein Revanchismus, sondern Populismus

Der stellvertrenden Vorsitzende, Bischof Mag. Herwig Sturm, sagte, das Wiederaufleben der Diskussion um die Benes-Dekrete sei nicht auf selbst Betroffene, auf Opfer der damaligen Vertreibung, zurückzuführen. „In Tschechien berichtet niemand von Revanchismus. Im Gegenteil: Wir haben viele Beispiele von versöhnter Begegnung gesehen. Es ist wirklich populistische Politik, die hier auf Stimmenfang geht, und es nicht die Sorge um die Betroffenen.“

Der ersten Begegnung der beiden Kirchenräte soll im Jänner eine weitere folgen: Der tschechische Ökumenische Rat wird am 27. Jänner 2003 beim ökumenischen Empfang im Erzbischöflichen Palais in Wien zu Gast sein. Das sei ein weiterer großer Schritt in Richtung Versöhnung. Denn Begegnungen seien wesentlich wichtiger als Papier, stellte Gleixner fest.

ISSN 2222-2464