Kirche leistet solidarisch kritischen Dienst

Auf dem Reformationsempfang spricht sich der lutherische Bischof für eine erneuerungswillige

Wien, 30. Oktober 2002 (epd Ö) „Die Evangelischen Kirchen anerkennen und schätzen die Funktion, die die politischen Parteien für das gesellschaftliche Leben haben. Sie begrüßen es, wenn sich Kirchenmitglieder politisch engagieren und ihrem Auftrag zur Weltgestaltung aus Glauben nachkommen.“ Das erklärte der evangelisch-lutherische Bischof, Mag. Herwig Sturm, beim Empfang zum Reformationsfest der Evangelischen Kirche A.u.H.B. in Österreich am Mittwoch, 30. Oktober, in der Akademie der Wissenschaften in Wien. Sturm zitierte damit Passagen aus der Denkschrift „Evangelische Kirchen und Demokratie“, die in der vorigen Woche von der Generalsynode verabschiedet wurde. Wenn das Evangelium auf eine grundsätzlich politische Existenz des Menschen abziele, habe sich der christliche Glaube auch in Form von Zivilcourage zu bewähren, sagte der Bischof. Zugleich betonte Sturm, dass sich die Evangelische Kirche nicht an eine bestimmte Partei binden lasse. Die Verkündigung des Evangeliums müsse „frei bleiben für den solidarisch kritischen Dienst an der Gesellschaft“, so der Bischof vor den rund 300 geladenen Gästen, darunter zahlreiche Spitzenrepräsentanten aus Kirche, Ökumene und Politik. Gekommen waren u.a. die Kardinäle Dr. Franz König und Dr. Christoph Schönborn, Weihbischof Dr. Helmut Krätzl, Oberin Prof. Christine Gleixner, Erzbischof Dr. Emanuel Aydin, der frühere deutsche Bundespräsident Dr. Roman Herzog, Nationalratspräsident Dr. Heinz Fischer oder Verfassungsgerichtshofpräsident Dr. Ludwig Adamovich. Im Rahmen des Empfangs präsentierte sich die Diözese Kärnten/Osttirol der Öffentlichkeit.

Mehr Kirche durch mehr Kompetenz

Die Evangelische Kirche entwickle sich hin zu „mehr Kirche durch breitere Beteiligung unserer Gemeindeglieder, mehr Kirche durch mehr Welt und mehr Kirche durch mehr Kompetenz“.

Sturm: „Kirche als erneuerungswillige und lernfähige Gemeinschaft, das ist evangelisch“.

Dazu wolle auch das breit angelegte Projekt zur Organisationsentwicklung „Offen Evangelisch“ beitragen. Wir wollen eine Kirche sein, die ihre Kinder nicht nur betreut oder versorgt, sondern die ihr Leben vom Kind her gestaltet; eine Kirche für Kinder“, führte der Bischof weiter aus.

Daher habe die Synode A.B. auch das kinderoffene Abendmahl beschlossen.

Kirchen wollen das zusammenwachsende Europa mitgestalten.

Eine große Herausforderung für die Kirchen sieht der Bischof auch im Zusammenwachsen Europas. Dieser Prozess rufe die Kirchen zur „Beteiligung und Mitgestaltung“ auf. Die Evangelischen Kirchen leisten durch ihre vielfältigen Kontakte und Plattformen, wie etwa die Donaukirchenkonsultationen, ihren Beitrag. „Konstruktiv einbringen“ wollen sich die Evangelischen Kirchen auch mit ihrer synodalen Erklärung zum Thema Österreich Tschechien, die auch von der Methodistenkirche mitunterzeichnet wurde. Damit soll die Kirchengemeinschaft über Grenzen hinweg intensiviert werden, gegenseitiger Respekt wachsen und die Verständigung zwischen den beiden Ländern vertieft werden.

Ökumene in Österreich ist für Sturm „eine faszinierende Sache“. 14 Kirchen würden mit einer Stimme zu drängenden gesellschaftlichen Fragen Stellung beziehen. Derzeit wichtigster Vorgang sei der Prozess „Ökumenisches Sozialwort“.

ISSN 2222-2464