Kinder zwischen Konsum, Karriere und Konkurrenz

Mit dem Trend zu weniger Kindern befasste sich eine Tagung in Waiern – Reiner: Brauchen Willen zu neuen Beziehungsformen

Waiern, 28. April 2004 (epd Ö) „Kinderlos zu bleiben war früher im Gegensatz zu heute die Hölle“, sagte die evangelische Oberkirchenrätin Dr. Hannelore Reiner auf der Tagung „KinderLos. Generationen im Klimawandel“ der Evangelischen Akademie in Kärnten im Bildungshaus Philippus/Waiern am vergangenen Wochenende. Das Los heutiger junger Menschen und der Trend zu weniger Kindern standen im Mittelpunkt der Tagung. Die Thematik wurde neben Reiner von dem Pastoraltheologen Paul M. Zulehner, dem Sozialhistoriker Reinhard Sieder, dem Trendforscher Bernhard Heinzlmaier und der Psychologin Nathalie Genser aufgenommen.

In ihrem Referat „Familie: Himmel auf Erden?“ zeigte Reiner auf, dass in einem Klima von Konsum, Karriere und Konkurrenz Kinderfeindlichkeit von selbst entstehe: „Wir brauchen den Willen zu neuen Beziehungsformen und -strukturen, um ein Fenster offen zu halten für ein Stück Himmel auf Erden.“

Zulehner: Für neue Formen der Lebensarbeitszeitverteilung

„Kinder sind Ausdruck einer kreativen Generativität des Menschen“ betonte Zulehner. Provozierend behauptete er, „Kinder stören. Wir entsorgen sie“, denn sie würden „das Life-design der Eltern“ stören. Zudem liefen sie Gefahr, in einen „Entsorgungssog“ zu geraten: „vor das Fernsehen, mit Gameboys, in außerfamiliäre Kinder-Versorgungseinrichtungen.“ Neue Formen der Lebensarbeitszeitverteilung seien laut Zulehner gefordert, um Arbeits- und Familienwelt besser als bisher abzustimmen.

Mit dem Schwerpunkt „Im Auge des Mythos: Kinder in vielfältigen Beziehungskulturen“ umriss Sieder das Thema. „Heute erlebt fast jedes vierte Kind unterschiedliche Familienformen, also Trennung oder Scheidung, neue Partner der Eltern. Im Jahr 2030 ist es schon jedes dritte Kind.“ Der Sozialhistoriker nannte Bedingungen, die Beziehungskrisen weniger traumatisch machen und Kinder stärken könnten: „die Trennung akzeptieren, Kontakt zu beiden Eltern behalten, die Wut herauslassen, Schuldgefühle überwinden.“

Ein Trend jagt den nächsten

Einblicke in die „Jugendszene“ von heute gab Heinzlmaier in seinem Referat. Die Zahl der jugendlichen Lebensstile, beeinflusst durch Medien wie Internet, TV und Jugendmagazine, wachse weiter, sagte er. „In immer schnelleren Rhythmen jagt ein Trend den nächsten“, berichtete Heinzlmaier aus seinen Studien. „Weg von Organisationen hin zu losen Verbänden“, laute das Motto vieler junger Menschen heute. Dabei gehe es ihnen um Inszenierung, da der Wunsch nach Selbstdarstellung gewachsen sei.

Genser präsentierte persönliche Umfragen zu dem „Los der Kinder“ heute. Die Wünsche der Unter-Sechsjährigen an die Eltern würden von „nicht streiten, lieb sein“ über „Trost wollen“ bis hin zu „nicht zu rauchen, weil die Eltern sonst sterben könnten“, reichen.

ISSN 2222-2464