Kein Ethikunterricht „zu Lasten“ des Religionsunterrichts

Mann und Bünker weisen Vorstoß des SP-Bildungssprechers Niederwieser zurück – Keine Koppelung mit Reduktion des konfessionellen Religionsunterrichts, der in der Bevölkerung Vertrauen und hohes Ansehen genießt

Wien (epd Ö) Den Vorschlag von SP-Bildungssprecher Abg z NR Erwin Niederwieser, einen Ethikunterricht „für alle“ zu Lasten des konfessionellen Religionsunterrichts in der österreichischen Schule einzuführen, haben die Geschäftsführende Leiterin des Interdiözesanen Amtes für Unterricht und Erziehung in der Erzdiözese Wien, Christine Mann, und der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker zurückgewiesen.

Christine Mann erklärte am Samstag wörtlich: „Es würde mich sehr wundern, wenn ein solcher Vorschlag mit dem zuständigen Ministerium abgesprochen wäre“. Denn erst vor nicht ganz zwei Wochen habe Unterrichtsministerin Claudia Schmied eine breit besetzte Expertengruppe konstituiert, um genau die Frage des Ethikunterrichts umfassend zu bearbeiten und eine intelligente Entwicklung zu begleiten. Dabei sei klar, dass – der Wichtigkeit des Themas „Umfassende ethische Bildung in der Schule“ entsprechend – ein professioneller Projektablauf vorgesehen sei und kompetente Ministerialbeamte mit der Leitung betraut werden. Für „schnelle Hüftschüsse“, die einer vermeintlichen parteipolitischen Profilierung in ebenso vermeintlich bevorstehenden Wahlkämpfen dienen könnten, sei das Thema „zu wichtig und auch zu sensibel“, so Christine Mann.

Bünker: „Es geht nicht um Konkurrenz“

Der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker äußerte sich am Samstag übereinstimmend mit Christine Mann. „Für die evangelische Kirche war und ist der Ethikunterricht keine Frage der Konkurrenz zum Religionsunterricht“, sagte Bischof Bünker: „Der ausgezeichnete evangelische Religionsunterricht hat keine Konkurrenz zu fürchten“. Es gehe vielmehr um den Bildungsauftrag der österreichischen Schule, um ein „grundsätzliches Verstärken der ethisch-religiösen Bildungsdimension“ – auch für jene, die nicht am konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen. Wörtlich betonte Bischof Bünker am Samstag: „Den Versuch, das eine gegen das andere auszuspielen, Ethik gegen Religion, lehnt die evangelische Kirche entschieden ab“. Eine solche Vorgangsweise würde den Gesamtauftrag der Schule beschädigen.

Die Leiterin des Interdiözesanen Amtes für Unterricht und Erziehung verwies auf die Bedeutung des konfessionellen Religionsunterrichts in seiner Vielfalt, der einen wesentlichen Beitrag zu jener Identitätsbildung leiste, die für eine pluralistische Gesellschaft ungeheuer wichtig sei: „Gerade für Migranten, die sich in das neue Umfeld integrieren wollen und sollen, darf das nicht heißen, dass sie all ihre Traditionen hinter sich lassen und so ihre Herkunft preisgeben. Das gilt für die Muttersprache, deren umfassende Beherrschung die Grundlage jedes weiteren Spracherwerbs ist, und das gilt natürlich genau so für die religiöse Zugehörigkeit, etwa zur orthodoxen Kirche oder zur islamischen Glaubensgemeinschaft“. Genau diese Bedeutung habe der konfessionelle katholische, evangelische oder mosaische Religionsunterricht für katholische, evangelische oder jüdische Kinder. Auch sie sollen jene Kulturen, die Österreich geprägt haben, kennen und verstehen, um sie unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen weiter zu entwickeln. Kinder und Jugendliche, die die religiöse Bildsprache nicht mehr verstehen, würden ihre Heimat verlieren, „unauffällig, aber stetig“. Christine Mann weiß sich in dieser Einschätzung mit den anderen Kirchen und Religionsgesellschaften einig, denn keiner dürfe sich wünschen, dass „die Erwachsenen von morgen Leute von nirgendwoher sind, nicht mehr auskunftsfähig über ihre Wurzeln, sprachlos über das, was sie aber doch letztlich trägt“.

Die letzten Jahre hätten eigentlich manche Klischees verblassen lassen, erinnerte Christine Mann. Die Sozialdemokratie müsse nun – anders als in ihren Anfängen – nicht mehr reflexartig gegen alles geharnischt auftreten, was mit Religion und kirchlichen bzw. religiösen Gemeinschaften zu tun hat. Mann: „Ich wünsche mir, dass es so bleibt, weshalb ich auf die Äußerungen Niederwiesers zum Konkordat gar nicht eingehe, weil die Sachfrage so eindeutig und klar ist, dass man dieses internationale Vertragswerk gar nicht bemühen muss. Alle Schulversuche, die nun schon seit mehr als zehn Jahren existieren, die schon durchgeführte Evaluation und die bewährte europäische Praxis legen es nahe, emotionslos an das Thema heranzugehen und die Diskussion über den Ethikunterricht nicht mit einer Reduktion des konfessionellen Religionsunterrichts zu koppeln, der in der Bevölkerung Vertrauen und hohes Ansehen genießt“. Ziel müsse es sein, die Lehrpläne aller relevanten Gegenstände, des vielfältigen konfessionellen Religionsunterrichts und des zukünftigen Ethikunterrichts, miteinander zu vergleichen, Gemeinsamkeit und Komplementarität auszumachen. Wegen der Bedeutung der ethischen Bildung gehe es darum, mit Sorgfalt und Bedacht, „wie es die Unterrichtsministerin aus guten Grund vorsieht“, jene Lösung zu finden, die „der beste Dienst an den Schülerinnen und Schülern und an Staat und Gesellschaft ist“.

„Vor allem frage ich mich, welcher Sozialdemokrat, ja welcher Demokrat überhaupt, kann es sich denn wirklich wünschen, dass jene tiefgängigen sozialen Impulse, die den Religionen eigen sind und die weit über das hinausgehen, was sich politisch argumentieren lässt, in der Schule nur mehr reduziert zum Tragen kommen. Es geht den Religionen doch um eine Solidarität, um eine Verantwortung füreinander vor Gott und den Nächsten, wie sie der weltanschaulich neutrale Staat nie einfordern kann und darf“, betonte Mann. Gerade in Zeiten der Individualisierung, der vielbeklagten Entsolidarisierung und des immer wieder zitierten Werteverlusts werde man doch diese Quellen nicht systematisch reduzieren, sondern dankbar sein, dass es sie gibt und für ihren Erhalt alles aufwenden.

Die Kirchen und Religionsgesellschaften würden sich gerne in den Diskurs über die Frage des Ethikunterrichts einbringen, sie hätten auch viel Erfahrung und Kompetenz, aber es geschehe sicher nicht in einer „Position der Verteidigung von Eigeninteressen, der Abwehr“. Weil sie das Wohl des Ganzen wollen, „setzen die Kirchen und Religionsgemeinschaften auf den konfessionellen Religionsunterricht in seiner Vielfalt, der grundsätzlich mehr kann und mehr darf als ein Ethikunterricht des weltanschaulich neutralen Staates“.

ISSN 2222-2464