Katechismus als Bildungsprogramm?

Im Bild (v.l.): Michael Bünker, Thomas Hennefeld, Henning Schluß, Christine Mann, Susanne Heine und Martin Rothgangel beim Auftakt zur Ringvorlesung in der Universiät Wien (Foto: Dasek/epdÖ)
Im Bild (v.l.): Michael Bünker, Thomas Hennefeld, Henning Schluß, Christine Mann, Susanne Heine und Martin Rothgangel beim Auftakt zur Ringvorlesung in der Universiät Wien (Foto: Dasek/epdÖ)

Auftakt zur Ringvorlesung „Reformation als Herausforderung für die Bildungslandschaft heute“ im Rahmen des Jahres der Bildung der Evangelischen Kirchen

Wien (epdÖ) – Religiöse Bildung ist heutzutage wichtiger denn je, die Katechismen aus der Zeit der Reformation sind dafür aber nur noch von begrenzter Bedeutung. Das war der Tenor einer Diskussionsrunde zum Thema „Katechismus als Bildungsprogramm“ am Mittwoch, 18. März, in der Universität Wien. Sie bildete den Auftakt zur Ringvorlesung „Reformation als Herausforderung für die Bildungslandschaft heute“, die in den nächsten Wochen an der Universität Wien im Rahmen des Jahres der Bildung der Evangelischen Kirchen stattfindet. Über das Verhältnis Katechismus und Bildung diskutierten im Senatssaal der Universität der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker, die evangelische Theologin Susanne Heine, der reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld, die Leiterin des erzbischöflichen Amts für Unterricht und Erziehung Wien, Christine Mann, sowie der Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät und Lehrstuhlinhaber für Religionspädagogik, Martin Rothgangel. Moderiert wurde die Debatte von Bildungswissenschaftler Henning Schluß.

Laut Martin Rothgangel geht es bei religiöser Bildung in erster Linie um einen Dialog auf Augenhöhe. Dieser sei jedoch bei den historischen Katechismen nicht vorgesehen, was schon die ursprüngliche altgriechische Bedeutung, nämlich „herabtönen“, verdeutliche. Außerdem gehe der Kleine Katechismus Luthers von ganz anderen Lebensrealitäten aus, als wir sie heute vorfinden, erklärte der Dekan. In einer pluralen Gesellschaft hätten Katechismen heute sehr wohl ihre Berechtigung, da sie die Grundlagen des christlichen Glaubens gut vermitteln können. Diese Katechismen müssten nach neuen didaktischen Konzepten konzipiert sein und zum Fragen anregen, sagte Rothgangel, der aktuell im Rahmen der Evangelischen Kirche in Deutschland an neuen evangelischen Katechismen arbeitet.

Auch bei den Katechismen Luthers sei es spannender, auf die Fragen als auf die Antworten zu schauen, da diese zum Weiterdenken und Weiterfragen führen, meinte Bischof Michael Bünker. Er betonte, dass religiöse Bildung heutzutage wichtiger denn je sei. Für ihn sind Katechismus und religiöse Bildung allerdings schwer zu verbinden. Vielmehr müsse man auf die Fragen der Menschen hören statt sofort Antworten parat zu haben. Bünker zitierte aus dem aktuellen Bildungsbericht der Evangelischen Kirchen, aus dem hervorgeht, dass viele KonfirmandInnen ihre Fragen im Konfirmandenunterricht nicht vorfinden. „Das sind die wirklichen Probleme, ich bezweifle aber, dass sie sich mit dem Katechismus lösen lassen.“ „Das Katechetische braucht die Kirche in Zukunft“, so Bünker weiter, „ich zweifle aber, ob sie Katechismen braucht.“

Für Thomas Hennefeld können Katechismen bei einem Bildungsprozess nur assistierend wirken. Evangelische Lehre sei „nie etwas, unter das man sich beugt, sondern das, was man gemeinsam beschließt“. Der Katechismus könne nie das gesprochene Wort ersetzen, aber als Begleitbuch dazu beitragen, „auskunftsfähiger über den eigenen Glauben“ zu werden, sagte der reformierte Superintendent. Der Heidelberger Katechismus, ein „Trostbuch und eine Orientierungshilfe“, wirke aus heutiger Sicht „sperrig und antiquiert“, Mitte des 16. Jahrhunderts war er jedoch „geradezu revolutionär“. Besonders das Frage-Antwort-Schema zeuge von einer Grundbereitschaft zum Dialog, was für die damalige Zeit außergewöhnlich gewesen sei.

„Katechismen sind ein wichtiger Ausdruck der Identität einer Glaubensgemeinschaft, sie ersetzen jedoch nicht das lebendige Gespräch mit fähigen und glaubwürdigen Lehrern“, unterstrich Susanne Heine. Wissen brauche Erkennen, und zur Gewissheit des Glaubens gelange man nicht durch das Studieren oder Auswendiglernen eines Katechismus, sondern nur durch den Geist Gottes, erklärte die Professorin für Praktische Theologie und Religionspsychologie. Eine weitere Einschränkung sieht Heine darin, dass Katechismen ein gewisses Maß an theologischer Grundbildung erfordern, das heute nicht mehr vorausgesetzt werden könne. Religiöse Bildung sei nötig, „um unsere Geschichte und uns selbst zu verstehen“. Verstehen bedeute jedoch nicht automatisch „Einverstandensein“, bekräftigte die Theologin.

Mehr Katechismen auch in außerkirchlichen Bereichen wünscht sich Christine Mann: „Auch Parteien oder große Konzerne sollten sich über Leitbilder hinaus intensiver mit ihrem ursprünglichen Auftrag und ihrer Philosophie im Sinne eines Katechismus beschäftigen.“ In der „neuen Unübersichtlichkeit, in der einfache Antworten attraktiv werden“, könnten Katechismen auch gegen Fundamentalismus wirken, wenn „öffentlich formuliert wird, wofür jeder steht“. Moderne Katechismen seien durchaus wichtig und wertvoll. Gerade in der heutigen Zeit, in der Spezialfähigkeiten in stark abgegrenzten Bereichen mehr und mehr in den Vordergrund rücken, würden Katechismen eine einzigartige Möglichkeit des Überblicks bieten. Einen solchen „Mut zur Zusammenschau“ besäßen offenbar nur noch die Theologen, befand Mann.

Am 25. März spricht der Wiener Bildungswissenschaftler Stefan Hopmann im Rahmen der Ringvorlesung über „Bildung, Reformation und Gerechtigkeit“. Die Vorlesungen beginnen jeweils um 19 Uhr in der Evangelisch-Theologischen Fakultät. Nähere Informationen zum Programm unter www.bildungundreformation.at

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ISSN 2222-2464