Kapitalismuskritik ohne apokalyptisch aufgeheizten Fundamentalismus

Gott und Geld: Bei der Evangelischen Woche sprach Ulrich Körtner über Calvinismus und Kapitalismus

Wien (epd Ö) – Eine theologisch fundierte Kritik an Fehlentwicklungen des modernen Kapitalismus und der heutigen Globalisierung verliere ihre Überzeugungskraft, wenn sie nicht mit „ökonomischem Sachverstand gepaart“ sei, erklärte der Systematiker Ulrich Körtner im Eröffnungsvortrag der diesjährigen Evangelischen Woche am Montagabend, 9. März, in Wien. Dass sich der Reformierte Weltbund 2004 in Accra deutlich auf die Seite der Schwachen und Leidenden gestellt habe, entspreche „durchaus dem calvinischen Ethos und Erbe“, meinte der reformierte Theologe, der über das Verhältnis von Calvinismus und Kapitalismus referierte. Für Calvin und den Frühkapitalismus sei das „Los der Ärmsten ethischer Maßstab in Ökonomie und Erwerbsleben“.

Körtner beurteilte das Accra-Dokument auch kritisch: Die angestrebte „Ökonomie der Gnade“ bleibe vage, Alternativen zu dem verurteilten Wirtschaftssystem würden nicht aufgezeigt. Vielmehr steigere sich in dem Dokument Kapitalismuskritik zu einem „geschichtstheologischen, apokalyptisch aufgeheizten Fundamentalismus“. Eine Theologie, die letztlich die Selbstmarginalisierung der Kirche fördere und damit das „genaue Gegenteil von jener kritischen Weltzugewandtheit darstellt, die den Calvinismus in seiner Geschichte ausgezeichnet hat“. Entschlossen habe der Calvinismus Fehlentwicklungen des Kapitalismus kritisiert und das soziale und praktische Engagement der Kirchen in der Gesellschaftspolitik gefordert. Körtner: „Das Wirtschaftsleben mitzugestalten und zugleich aus einer prophetischen Grundhaltung heraus das kritische Bewusstsein für seine Gefahren zu schärfen, das ist es, was den Calvinismus bis heute auszeichnet.“ Calvinismus dürfe weder mit dem Geist des Kapitalismus noch mit dem eines planwirtschaftlichen Sozialismus gleichgesetzt werden, bekräftigte der Theologe. Zum Erbe Calvins gehöre es, sich aufgrund des Evangeliums entschlossen den Aufgaben der Weltgestaltung auch im ökonomischen und sozialen Bereich zuzuwenden.

Zentrum calvinistischer Sozialethik

Der immer wieder vertretenen These, der Kapitalismus entstamme dem Calvinismus, erteilte Körtner eine klare Absage: „Zwischen Manchesterkapitalismus und calvinistischer Soziallehre liegen Welten.“ Zu berücksichtigen sei in diesem Zusammenhang vor allem auch der Faktor Bildung. Ebenso erinnerte Körtner daran, dass die Ursprünge des für den Kapitalismus notwendigen modernen Bankwesens definitiv nicht im Calvinismus liegen. Nicht das egoistische Glück des Einzelnen, sondern das Wohl des Gemeinwesens stehe im Zentrum calvinistischer Sozialethik. Nicht das Erwerbsstreben, sondern das Gebot der Nächstenliebe motiviere die calvinistische Auffassung von Arbeit und Beruf ebenso wie den Umgang mit Geld und Eigentum.

Dass der Calvinismus geistiger Nährboden für den modernen Kapitalismus war, sei eine „Vergröberung“ der Thesen des Soziologen Max Weber, auf die Körtner ausführlich einging. Weber habe klargestellt, dass reines Gewinnstreben „an sich mit Kapitalismus gar nichts zu schaffen“ habe. Der Soziologe habe vielmehr den Kapitalismus des 19. Jahrhunderts und seiner eigenen Zeit – Weber starb 1920 – als Verfallserscheinung von seiner bejahenswerten ursprünglichen Form abgegrenzt. Ein so verstandenes kapitalistisches Gewinnstreben ziele auf die Vermehrung nicht um ihrer selbst willen, sondern zum Zweck der Investition in Produktion oder sonstige Formen der Wertschöpfung, erklärte Körtner. Diese „Idealform“ habe nach Weber ihre Wurzeln im calvinistischen Menschenbild. Nicht zu unterschätzen sei in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Calvinismus für das Entstehen der modernen Demokratie. Für Weber gehörten kapitalistische Wirtschaftsform und demokratischer Liberalismus eng zusammen.

Sozialgeschichtlich könne Weber zugestimmt werden, dass der Calvinismus als einzige christliche Konfession den modernen Kapitalismus aktiv zu gestalten versucht habe. Das bedeute jedoch nicht, „dass der Kapitalismus als solcher eine Frucht des Calvinismus gewesen ist“, schränkte Körtner ein. Kritisch merkte der Vorstand des Instituts für Systematische Theologie auch an, dass Weber die historischen Belege für seine These aus dem englischen Puritanismus des 17. Jahrhunderts genommen habe. Für den französischen Protestantismus derselben Zeit lasse sich der Zusammenhang von Calvinismus und Kapitalismus „jedenfalls nicht bestätigen“.

ISSN 2222-2464