Käßmann, Knoll-Lacina und Winkler über Luther

Die vielschichtige Biografie des Reformators Martin Luther stand im Mittelpunkt einer Diskussion im Rahmen der BuchWien. Foto: epd/Uschmann
Die vielschichtige Biografie des Reformators Martin Luther stand im Mittelpunkt einer Diskussion im Rahmen der BuchWien. Foto: epd/Uschmann

Wittenberger Reformator im Gespräch bei „Buch Wien“

Wien (epdÖ) – Der Reformator Martin Luther stand im Mittelpunkt eines Diskussionsabends im Rahmen der Buchmesse „Buch Wien“ am 11. November im Wiener Albert Schweitzer Haus. Ausgehend von der neu erschienenen Luther-Biographie „Luther. Ein deutscher Rebell“ des „Süddeutsche Zeitung“-Journalisten Willi Winkler wurde über das Leben und die Bedeutung des Wittenberger Kirchenerneuerers debattiert.

„Luther ist ein vielschichtiger Mann, da macht sich jeder und jede sein/ihr eigenes Bild“, betonte Margot Käßmann, Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017 der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Einerseits zeugten etwa seine Briefe von Luther als einfühlsamem Seelsorger, andererseits sei Luther bekannt für Antijudaismus gegen Ende seines Lebens. Hier habe es einen Lernprozess gegeben, zeigte sich Käßmann dankbar. Heute distanziere sich die EKD beispielsweise durch Synodenbeschlüsse deutlich von Luthers Positionen. Wenn man heute das Leben des Reformators betrachte, dürfe man aber nicht den Fehler machen, ihn nur nach heutigen Kriterien zu beurteilen. „Obwohl er mit einem Bein noch im Mittelalter stand, setzte er klare Schritte in Richtung Aufklärung. Und auch wenn zu Luthers Zeit Frauenordination noch kein Thema war, so hat Luther den Grundstein dafür gelegt, dass es heute die Frauenordination gibt“, so Käßmann.

„Mich hat der Theologe beziehungsweise der Geistliche Martin Luther nur wenig interessiert. Mich hat die geschichtliche Gestalt Luther interessiert. Wie konnte der Mensch Luther so viel Einfluss auf die Weltgeschichte nehmen?“, fragte Biographie-Autor Winkler. Letztlich habe es sich größtenteils um ein Produkt des Zufalls gehandelt, lautet Winklers These. „Zur Zeit Luthers gab es ein Machtvakuum, deswegen konnte sich seine Lehre ausbreiten. Davon wusste Luther aber nichts.“ Winkler geht davon, dass Luther unter anderem deswegen so groß wurde, weil er ein „naiver Kopf“ gewesen sei. Dass seine Ablassthesen so schnell verbreitet wurden, lag laut Winkler sicher auch daran, dass das Thema populär war.

Luther sei ein Mensch gewesen, der zutiefst gespalten war, sagte die ehemalige Superintendentin Gertraud Knoll-Lacina, die zuletzt für die SPÖ im österreichischen Nationalrat saß. Am Reformator Luther schätze sie vor allem seine Zivilcourage. Deutliche Kritik übte Knoll-Lacina an Luthers Antijudaismus: „Luther hat sich genau in diesem Punkt in Nichts unterschieden vom Rest. Es ist absolut unverantwortlich, zu sagen, Luther war aus theologischen Gründen ein Judenhasser!“ Es sei notwendig, dass die Kirche Luthers Aussagen und Inhalte in diesem Bereich verwerfe (Anm.: was in der Erklärung „Zeit zur Umkehr“ durch die Generalsynode im Herbst 1998 erfolgt ist). Dennoch sei Luther heute nach wie vor aktuell, etwa angesichts der Ökonomisierung aller Lebensbereiche. „Mit Luther muss die Kirche sagen: Wir stehen auf der Seite der Menschen. Das ist doch eine Botschaft, die unüberbietbar ist“, meinte Knoll-Lacina.

Das vorgestellte Buch „Luther. Ein deutscher Rebell“ von Willi Winkler ist 2016 im Rowohlt Verlag erschienen. Durch den Abend führte Ö1-Moderatorin Renata Schmidtkunz.

ISSN 2222-2464