Junge Menschen wollen Religion spüren und etwas erleben

Bischof Michael Bünker im Gespräch mit Udo Bachmaier, Journalist und Präsident der Vereinigung für Medienkultur. (v.l., Foto: epdÖ/S.Janits)
Bischof Michael Bünker im Gespräch mit Udo Bachmaier, Journalist und Präsident der Vereinigung für Medienkultur. (v.l., Foto: epdÖ/S.Janits)

Bünker: „Verbundenheit mit Kirche entscheidet sich in ersten Jahren“

Wien (epdÖ) – Über die Situation der Evangelischen Kirche, das Interesse der Jugendlichen an Religion und die Rolle von Papst Franziskus für die Ökumene sprach Bischof Michael Bünker in der Reihe „Gemeinde im Gespräch“ am 3. April in der Lutherischen Stadtkirche in Wien.

Säkularismus und Alltagsatheismus seien große Herausforderungen für die Kirche, die Frage nach dem Nutzen einer Kirchenmitgliedschaft werde immer virulenter, eine massive Gotteskrise präge Gesellschaft und Kirche, erklärte Bischof Bünker. „Viele Menschen sind auf Austritts-Standby“, so Bünker. Der Kirche fehle immer mehr die Mitte, die Verbundenheit zur Institution werde immer geringer. „Die Kirche kommt hier immer zu spät. Wie eng die Verbundenheit ist, entscheidet sich in den Familien in den ersten Jahren. Rund um die Taufe brauchen wir also viel mehr Kontakt mit unseren Mitgliedern. Das geht so weit, dass man in der Krankenhausseelsorge darüber nachdenkt, vermehrt die Gebärstationen zu besuchen.“ Sehe man sich evangelische Pfarrgemeinden in Österreich genauer an, die aus sich heraus wachsen, stelle man fest, dass hier die persönlichen Beziehungen zwischen Pfarrerin beziehungsweise Pfarrer und Gemeinde sehr intensiv sind, dass in diesem Bereich viel investiert wird, etwa bei Amtshandlungen. „Den Bischof kennen nur 2,6 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher. Es sind die Pfarrerinnen und Pfarrer, die die Kirche repräsentieren. Insofern bin ich froh sagen zu können, dass wir einen guten Stand an geistlichen Amtsträgern und -trägerinnen haben und auch der Ausblick positiv ist“, sagte Bünker.

Positive Impulsive nehme der Bischof auch aus Gesprächen mit Jugendlichen mit. So besuche er beispielsweise einmal pro Jahr die Konfirmandinnen und Konfirmanden der Lutherischen Stadtkirche in Wien und versuche, all ihre Fragen zu beantworten. „Die Jugendlichen sind sehr bei den zentralen Fragen: Lohnt es sich zu glauben? Wie ist das mit dem Zweifel? Wie ist das mit Gott?“ Aus dem Gespräch mit den jungen Menschen lerne Bünker, dass die Gottvergessenheit stärker thematisiert gehöre, würden doch alle anderen Fragen auf der Gottesfrage aufbauen. „Um die jungen Leute muss man sich keine Sorgen machen. Aber: Sie wollen was spüren, sie wollen was erleben. Religion ist für sie dann echt, wenn sie eine Gänsehaut hervorruft.“ Die lutherische Tradition der schlichten und nüchternen Gottesdienste habe hier eventuell Nachholbedarf. „Einer meiner Lehrer sagte immer: ‚Wir brauchen einen Schuss charismatisches Christentum'“, betonte Bünker.

Wie Papst Franziskus zur Ökumene stehe, sei auch ein Jahr nach seinem Amtsantritt schwer abzuschätzen. Einerseits sei der Ökumene-Abschnitt in seiner ersten eigenen Enzyklika Evangelii Gaudium (Freude des Evangeliums) „enttäuschend kurz“. Was aber dort zwischen den Zeilen stünde, sei ganz positiv. So hätte Franziskus beispielsweise auf eine Definition von Kirche verzichtet, stattdessen schreibe er von gegenseitiger Bereicherung durch die Gaben des Geistes, die allen Kirchen gegeben seien. „Auch wenn das keine Änderung in der Lehre ist, so ist es doch eine Neuerung im Umgang“, meinte Bünker. Dies ließe sich auch an konkreten Beispielen erkennen: „Von dem für die Ökumene zuständigen Kurienkardinal Kurt Koch hörte man noch 2012, dass ein gemeinsames Reformationsjubiläum nicht gefeiert werden könne, weil Kirchenspaltung ja kein Grund zur Freude sei. Jetzt plötzlich hört man katholische Stimmen, die sagen, die Wiederentdeckung des Evangeliums sei ja zentral für die Reformation gewesen, und das könne man natürlich gemeinsam feiern. Dieser interessante Akzentwechsel hängt sicher auch mit den neuen Tönen aus Rom zusammen.“

Mit Bischof Bünker sprach Udo Bachmair, Journalist und Präsident der Vereinigung für Medienkultur.

ISSN 2222-2464