Jepsen: Bibel ist kein harmloses Buch

In Linz sprach die Hamburger Bischöfin über evangelische Spiritualität und Frömmigkeit

Linz, 14. Oktober 2005 (epd Ö) – Biblische Geschichten greifen in unser politisches und gesellschaftliches Leben ein. Davon ist Maria Jepsen überzeugt. Am Donnerstagabend, 13. Oktober, sprach die Hamburger Bischöfin auf Einladung des Evangelischen Bildungswerkes Oberösterreich im Linzer Alten Rathaus über evangelische Spiritualität und Frömmigkeit. Als weltweit erste lutherische Bischöfin leitet Jepsen seit 13 Jahren den Sprengel Hamburg der Nordelbischen Evangelisch-lutherischen Kirche.

Die Bibel sei alles andere als eine „harmloses Buch“. Biblische Geschichten, wie etwa jene vom barmherzigen Samariter, hätten direkte Auswirkungen auf das politische, gesellschaftliche und private Leben. „Keine UNO, keine deutsche Bank hat solche Auswirkungen gezeigt wie diese paar Sätze Jesu“, meinte Jepsen. Es reiche nicht, in der Bibel – für Jepsen die „heiligste Stelle auf Erden“ und Zentrum evangelischer Spiritualität – zu lesen: „Man muss das auch umsetzen im Leben.“ Es gehe darum, die „außergewöhnlichen und lebenserneuernden“ Geschichten aus der persönlichen Situation heraus zu lesen und mit dem konkreten Leben ins Gespräch zu bringen. Dann könne wieder „das Gespräch mit unserer eigenen Seele“ beginnen. „Lasst Gott rein in euren Alltag“, appellierte die Bischöfin an das große Auditorium und sagte: „Das Paradies können wir nicht öffnen, aber die Bibel.“

Trost und Ermutigungen würden gerne aus der Bibel mitgenommen, aber die Forderungen?, fragte Jepsen kritisch. Für viele sei es bequemer, Gott auf Distanz zu halten, vor allem dann, wenn es einem gut gehe. Christlicher Glaube werde in der Bibel „geistlich aufgeladen und gestärkt“. „Um Gott von mir aus näher zu kommen, muss ich nicht nach Rom gehen, nach Jerusalem, Mekka oder an die Ufer des Indus. Ich brauche nur die paar Schritte hin zu meiner Bibel.“ Noch so schöne Zeremonien und Rituale könnten Gott nicht zwingen, den Menschen nahe zu sein. Jepsen: „Und wenn wir noch so schöne Kirchen bauen, sie sind kein Garant.“

Misstrauen gegen einseitige ökonomische Ausrichtung wächst

Religionen seien viel haltbarer, als manche Philosophen es wahrhaben wollen, so die Bischöfin. Auch wenn oft die Rede davon sei, dass der christliche Glaube in Europa verblasse und am Sonntag geöffnete Konsumtempel den Kirchen den Rang ablaufen: „Die einseitige ökonomische Ausrichtung gerät auch im Abendland ins Trudeln“, beobachtet Jepsen. Man misstraue zunehmend den Kräften der freien Marktwirtschaft und den kapitalistischen Maximen, die Globalisierung werde mehr und mehr hinterfragt: „Uns wird unbehaglich, wenn der Mensch nur als Konsumwesen betrachtet wird.“ Gefragt sei das „Priestertum aller Getauften“. „Wo bekommen wir unsere Gewissheiten her, unsere Überzeugungen? Was erneuert unser Leben, unser Glaubensleben?“ – Das sind für die Bischöfin die zentralen spirituellen Fragen.

Wachsam für Gerechtigkeit

„Auch wenn keiner mehr Gott sehen kann, gibt er uns seinen Schutz mit“, sagte Jepsen weiter. „Wir haben einen Gott, dem es nicht egal ist, wie es uns ergeht, was aus uns wird.“ Die Hamburger Bischöfin sprach sich dafür aus, dass Christinnen und Christen ihre Überzeugungen „in der Öffentlichkeit deutlich werden lassen“. Arbeitskollegen dürften ruhig wissen, „warum wir als Kirchliche über Flüchtlinge anders denken als manche Parteien und uns gegen Fremdenfeindlichkeit und für Asylsuchende einsetzen. Warum wir aufbegehren, wenn die Bettler aus unseren Innenstädten vertrieben werden sollen, weil sie die Einkaufsstimmung stören.“ Evangelische würden oft im normalen gesellschaftlichen Leben nicht nur ihre Bibeln, sondern gleich ihr ganzes Christsein verstecken. Beten etwa sei jedoch kein Zeichen von Schwäche, sondern von Demut, Glück und Dankbarkeit. Zum Christsein gehöre es, den kritischen Blick auf sich selber, auf Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu schärfen, „sich immer wieder neu aus dem Einerlei, aus Gewohnheit und Gleichgültigkeit herausreißen zu lassen“. Dass Christinnen und Christen in ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Verantwortung wachsam für Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit ihre Stimme erheben, sei nicht nur der Kirche aufgetragen, sondern allen Getauften, dem „Priestertum der Glaubenden“. Jepsen: „Dass der Glaube unsere Welt durchdringe und verändere, in Jesu Namen.“ Deutlich sprach sich die Bischöfin in Linz auch gegen aktive Sterbehilfe aus. Das Leben des Menschen sei unverfügbar und von Gott gegeben. Es dürfe nicht eigenhändig beendet werden, warnte Jepsen.

ISSN 2222-2464