Islam-Konferenz diskutierte über Koexistenz Moslems – Christen

Shakfeh mit Situation in Österreich zufrieden – EUMC-Winkler betont Verantwortung der Europäer – „Krise des jungen islamischen Mannes“ – Pakistanischer Appell für Bebenopfer

Wien, 16. November 2005 (epd Ö) – Die Koexistenz von Christen und Moslems in der westlichen bzw. moslemischen Welt sowie die Rolle des Einzelnen in der jeweiligen Gesellschaft waren Dienstagnachmittag zentrale Diskussionsthemen im Rahmen der internationalen Islam-Konferenz in Wien. Dabei bemühten sich Experten auch, die Motivation Jugendlicher aus dem islamischen Umfeld zu ergründen, die hinter den Terroranschlägen von London stehen und die Frankreichs Immigranten-Vorstädte mit Gewaltaktionen erschüttern. Redner mahnten zum besseren gegenseitigen Kennenlernen und warnten vor einem Missbrauch der Religion.

Der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Anas Shakfeh, beleuchtete die Situation der Moslems hierzulande. Shakfeh bewertete die Lage als „relativ zufrieden stellend“. Der in Österreich herrschende Ist-Zustand könnte andere ermutigen, von diesen Erfahrungen zu profitieren, sagte Shakfeh, der das aus der Monarchie stammende Islam-Gesetz von 1912 erläuterte. Seine Gemeinschaft bekenne sich zur vollständigen Verfassungstreue und sehe eine „weitestmögliche Partizipation“ am öffentlichen und wirtschaftlichen Leben als Mittel der Integration.

Beate Winkler, Chefin der EU-Rassismus-Beobachtungsstelle EUMC, verwies ebenfalls auf die „lange Tradition“ im Sinne der Anerkennung einer religiösen Koexistenz in Österreich. Politiker und Medien hätten eine Verantwortung gegenüber den Moslems in Europa als Teil ihrer Gesellschaft. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und nach dem Mord am niederländischen Regisseur Theo van Gogh 2004 sei die Abneigung gegen Moslems in der EU sprunghaft gestiegen. Nach den Londoner Anschlägen hätten „klare Worte“ des britischen Premiers Tony Blair dagegen positiv gewirkt. Zu den Unruhen in Frankreich meinte Winkler, die Jugendlichen wollten „nicht toleriert, sondern akzeptiert“ werden.

Der Sozialanthropologe Andre Gingrich von der Universität Wien ortete sowohl hinter den Bombenanschlägen von London als auch den brennenden Autos in französischen Städten eine „Krise des jungen moslemischen Mannes“. Er sieht die jungen Männer zerrissen zwischen zwei Rollenmodellen – dem moslemischen und dem europäischen. „Die Perspektive für die jungen Männer ist sehr dunkel, die Erwartungen sind von beiden Seiten aber sehr hoch.“ Auf diese Weise werde das „Modell eines möglichen Kämpfers, der sich für die Gemeinde opfert“, immer attraktiver, sagte Gingrich.

Ekrem Dumanli, Chefredakteur der Zeitung „Zaman“ aus Istanbul, betonte, die türkische EU-Annäherung sei „von großem Interesse für die islamische Welt“. Die türkische und die europäische Zivilisation stünden vor einer „historischen Prüfung“. Er glaube aber daran, dass die Türkei die Beitrittsanforderungen erfüllen und auch Österreich seine negative Haltung bereinigen werde. Die türkische EU-Integration werde sich positiv auf ganz Europa auswirken.

Der chaldäische Erzbischof von Kirkuk im Nordirak, Louis Sako, meinte, der Status moslemischer Minderheiten in westlichen Ländern könne für Minoritäten im Nahen Osten „hilfreich“ sein. Der Dialog mit Minderheiten sei im islamischen Raum keine Routine. Sako erinnerte an die gemeinsamen religiösen Werte von Christen und Moslems, meinte aber, dass die islamischen Lehren an die jetzige Zeit angepasst werden müssten. Regierungen moslemischer Länder müssten auch eine liberalere Haltung bei der freien Religionsausübung einnehmen.

Der libanesische Kultur- und Religionsminister Tarek Mitri, ein griechisch-orthodoxer Christ, sagte, in der moslemischen Welt würden sich häufig in Krisenzeiten Probleme für christliche Minderheiten ergeben. Sie würden dann als Agenten oder Nutznießer des Westens betrach-tet. Gegen sie richte sich der Zorn und Hass, der eigentlich dem unerreichbaren Westen gelte, meinte Mitri, der früher als Koordinator für den Weltkirchenrat tätig gewesen war.

Die frühere pakistanische Höchstrichterin Nasira Iqbal übte in ihrem Beitrag scharfe Kritik am Westen. Den Medien gab sie Mitschuld, ein negatives Bild von der moslemischen Welt zu zeichnen. Initiativen zum Dialog seien immer von Christen ausgegangen, auch deshalb, weil Moslems aufgrund von Vorurteilen in der Defensive seien. Iqbal nützte ihre Rede zu einem flammenden Appell für die Erdbebenopfer in ihrem Land. Sie kritisierte den Westen wegen unzureichender Hilfe, besonders für Kinder. In den nächsten 14 Tagen müsse das Leben von 350.000 Menschen vor dem Wintereinbruch gerettet werden. Österreich hingegen lobte sie, weil es seine Hilfszusage gehalten habe. Die SOS-Kinderdörfer, die Kinder ohne Rücksicht auf Religion und Rasse aufnehmen, sind, so Iqbal, ein Vorbild für andere.

ISSN 2222-2464