Irmgard Griss: Führen mit Verantwortung

Führungskräfte müssen die propagierten Werte tatsächlich leben, forderte die Leiterin der Hypo-Untersuchungskommission Irmgard Griss beim zweiten Kongress christlicher Führungskräfte im Stift Göttweig. Foto: Markus Prantl/Forum christlicher Führungskräfte
Führungskräfte müssen die propagierten Werte tatsächlich leben, forderte die Leiterin der Hypo-Untersuchungskommission Irmgard Griss beim zweiten Kongress christlicher Führungskräfte im Stift Göttweig. Foto: Markus Prantl/Forum christlicher Führungskräfte

Zweiter Kongress christlicher Führungskräfte tagte in Göttweig – Bischof Bünker: „Durch verantwortliches Leben im Führungshandeln Zeichen setzen“

Göttweig (epdÖ) – Wirtschaftlicher Erfolg ist auch unter Einhaltung ethischer Standards möglich. Davon zeigte sich Irmgard Griss am Donnerstagabend, 16. April, im Stift Göttweig überzeugt. Ihr Vortrag eröffnete den zweiten Kongress christlicher Führungskräfte, der heuer unter dem Thema „Zeichen setzen. Wert(e)voll führen in herausfordernder Zeit“ steht. Die ehemalige Richterin, die in Österreich durch die Leitung der unabhängigen Hypo-Alpe-Adria-Untersuchungskommission bekannt wurde, plädierte vor den über 350 Führungskräften für einen Führungsstil, der Verantwortung ernstnimmt. Zwar sei es nicht leicht, herauszufinden, ob die stark propagierte Corporate Social Responsibility nur aus „schönen Worten“ bestehe oder tatsächlich „faire Bedingungen“ herrschten. Dennoch sollten sich Konsumenten bewusst werden, dass sie durch ihr Kaufverhalten dazu beitragen, ob Unternehmen Werte beachten.

Gerade die Finanzkrise mit ihren katastrophalen Folgen für Staatsfinanzen und Sozialstaat hätte gezeigt, wohin einseitige Profitorientierung und „schrankenlose Gier“ führen. Zentral sind für Griss Werte wie Vertrauen, Verantwortung, Integrität, Mut, Nachhaltigkeit und Respekt. Verantwortung werde oft nur im Blickwinkel der möglichen Sanktionen gesehen, bedauerte die frühere Richterin. „Verantwortungsgefühl“ sei jedoch eine wichtige Haltung: „Führungspersönlichkeiten müssen sich bewusst sein, dass sie mit ihren Entscheidungen in das Leben anderer eingreifen.“ Macht sei ihnen „nur anvertraut“ und dürfe „nicht zur Überhöhung der eigenen Person missbraucht“ werden. Griss sprach sich dabei für eine „Nachhaltigkeit im umfassenden Sinn“ aus, die „über den Tag hinaus“ denke und nicht nur Folgen für die Umwelt, sondern etwa auch für die Staatsfinanzen berücksichtige. Christliche Wertequellen findet Griss in den Zehn Geboten und der Bergpredigt. Vor allem Barmherzigkeit und Gerechtigkeit brauche es im Führungsstil, wobei Barmherzigkeit „nicht das Verteilen milder Gaben meint, sondern dass man jemandem eine neue Chance gibt, auch wenn er versagt hat oder gescheitert ist“.

Natürlich sei wirtschaftlicher Erfolg die Grundlage dafür, dass andere Werte verfolgt werden können. Motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sieht die Juristin als „Schlüssel des Erfolgs jedes Unternehmens“. Vertrauen und Respekt müssten immer wechselseitig in der Beziehung zwischen Führungskraft und MitarbeiterInnen aufgebaut werden. Wer andere führen wolle, müsse zuerst sich selbst führen können. Dazu seien Selbstkritik und ein offenes Klima notwendig, in dem das eigene Handeln auch hinterfragt werden dürfe. Kritisch erwähnte Griss in diesem Zusammenhang die stark frequentierten „Whistleblower-Plattformen“: „In welcher Gesellschaft leben wir, dass es diese Instrumente überhaupt braucht?“ Die Fähigkeit, ein Problem mit den Augen des Anderen zu sehen, ist für Griss Grundvoraussetzung erfolgreicher Führung. Diese gelinge jedoch erst dann, „wenn man mit innerem Feuer bei der Sache ist“. Führungskräfte müssten die propagierten Werte „tatsächlich leben und bereit sein, sich als Menschen einzubringen“.

Die Vorbildfunktion von Führungskräften strich bei der Eröffnung des Kongresses auch Wolfgang Pfarl heraus. Durch den Kongress soll „die Brücke zwischen Kirchen und Wirtschaft breiter und gangbarer werden“, meinte der Präsident des Forums christlicher Führungskräfte. Der gastgebende Abt des Stifts Göttweig, Columban Luser, ortet eine „Destabilisierung des christlichen Wertesystems“. Werte würden aufgegeben, „Hauptsache, wir gewinnen die nächste Wahl“. Dass der Großteil der Unternehmer werteorientiert agiere, betonte der Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Christoph Neumayer. Denn Werte, so Neumayer, „bauen Glaubwürdigkeit auf und sind ein entscheidender Wettbewerbsfaktor“.

Bischof Michael Bünker erinnerte bei der Eröffnung an den 70. Todestag des evangelischen Pfarrers und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer, der in den letzten Kriegstagen im KZ Flossenbürg ermordet wurde. Bonhoeffer sei überzeugt gewesen, durch ein verantwortliches Leben im Führungshandeln Zeichen zu setzen. Nach Bonhoeffer lebe jener verantwortlich, der „stellvertretend für die in Not Geratenen lebt“ und dabei jene in den Blick nimmt, „die am Rand, im Schatten stehen“. Die Freiheit der Entscheidungen bleibe immer an Verantwortung gebunden. Ein verantwortliches Leben, das im Beruf zur Wirklichkeit werde, sei „immer auf Zukunft, auf Nachhaltigkeit“ ausgerichtet, sagte der Bischof. Bonhoeffer habe damit klarmachen wollen, „dass ein verantwortliches Leben letztlich vor Gott bestehen muss und nicht vor den jeweils geltenden moralischen Werturteilen“.

In Vorträgen namhafter Expertinnen und Experten und in Workshops beschäftigen sich die christlichen Führungskräfte bis Samstag mit Fragen einer werteorientierten Führung. Der Kongress fand 2013 zum ersten Mal statt. Veranstalter sind die Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften Österreichs, die Evangelische Akademie Wien, die Katholische Aktion Österreich und die Industriellenvereinigung.

ISSN 2222-2464